4 min 9. Nov 2023 Wissen

Altersgerechtes Wohnen

Zu Hause alt werden wollen die meisten Menschen. Was können wir tun, dass dies möglich wird? David Fässler zeigt, dass dabei nicht nur technische, sondern auch soziale und finanzielle Probleme gelöst werden müssen.

von Peter C. Meyer

Die Zahl der hochaltrigen Menschen nimmt in den nächsten dreissig Jahren in der Schweiz stark zu. Die meisten alten Menschen wollen so lange wie möglich in ihrer eigenen Wohnung bleiben. Also müssen mehr geeignete Wohnungen gebaut oder altersgerecht umgebaut werden. Nur: Wie kommt das zustande? Was können wir dazu beitragen? 

In seinem hochinteressanten Vortrag gab David Fässler Antworten darauf am 24.10.2023 an der Forumsveranstaltung des ZSS für die Vorstände der ZSS-Kollektivmitglieder und für Fachpersonen der Altersarbeit.

Bedürfnisse älterer Menschen
Ausgangspunkt muss immer sein: Wie wollen ältere Menschen leben und wohnen? Studien ergaben, dass, wen wundert es, die Wohnungen gemütlich, zahlbar und ruhig sein sollen. Interessant ist, dass kleinere Wohnungen grösseren vorgezogen werden. Viele ältere Menschen würden gerne in kleinere Wohnungen wechseln, wenn sie ihnen angeboten würden und nicht teurer wären als die grösseren Wohnungen, in denen sie bisher gewohnt haben, früher oft mit ihren Kindern zusammen.

Hochaltrige Menschen benötigen neben der Spitex oft zusätzliche praktische und psychosoziale Betreuung zur Bewältigung ihres Alltags. Menschen mit hohem Einkommen oder Vermögen können die damit verbundenen hohen Kosten selber bezahlen, aber für andere ist Betreuung zuhause zu teuer. Zurzeit werden die hohen Kosten in Heimen von Ergänzungsleistungen (EL) der AHV bezahlt, während die Betreuungskosten in der eigenen Wohnung nicht von der EL übernommen werden. Die Politik hat das Problem erkannt: eine entsprechende Gesetzesänderung auf Bundesebene ist in Vorbereitung und der Kanton Zürich wird schon vorher Zusatzleistungen für die Betreuung zuhause ausrichten; der ZSS setzt sich dafür ein.

Altersgerechter Umbau: Anstelle der Badewanne wird eine leicht zugängliche Dusche eingebaut.

Vernetzung und Zusammenarbeit 
Der Wohnungsmarkt ist noch zu wenig auf die Bedürfnisse der Senior:innen eingestellt. Barrierefreies Bauen wäre eine erste Voraussetzung, aber das genügt noch nicht für einen alterstauglichen Wohnraum. Bisher sind Immobilien-Investoren und -Verwaltungen noch kaum im Austausch mit den Gemeinden und den Altersorganisationen. Fässler plädiert für eine gute Vernetzung und enge Zusammenarbeit der Stakeholder im Altersbereich. Schon in der Planungsphase müssen nicht nur technische, sondern auch soziale Aspekte des Alterswohnens einbezogen werden.

Beispiele mit vorbildlichen Lösungen
David Fässler ist an zahlreichen Projekten der ganzen Schweiz beteiligt und konnte deshalb eindrücklich über «Best Practice»-Beispiele berichten; unter anderem über die alterstaugliche Sanierung einer Siedlung in Volketswil, über das Konzept mit Siedlungs- und Wohnassistenz in Horgen, über betreutes Wohnen mit optimalen Dienstleistungen und Vernetzung auf Quartierebene in der Stadt St. Gallen und über das Generationenhaus in Langnau im Emmental. Detaillierte Informationen zu Best Practice-Beispielen finden sich auf der Präsentation von Fässler, die hier als pdf-Datei angehängt ist.

Best-Practice: Mehrgenerationen-Siedlung Strickler in Horgen, mit Hilfe und Beratung bei Bedarf durch professionell Mitarbeitende.

Lösungsorientiere, fruchtbare Diskussion
An der ZSS-Veranstaltung wurde in der sehr lebhaften Diskussion unter anderem kontrovers darüber diskutiert, ob es professionelle Unterstützung braucht zur Vernetzung der Menschen in Siedlungen, am besten mit soziokultureller Animation (These) oder ob dies der Selbstorganisation der Bewohner:innen überlassen werden kann (Antithese). Dank der sehr kompetenten und dialogfähigen Teilnehmenden am ZSS-Forum wurde eine Synthese gefunden: Wenn eine Siedlung neu gebaut wurde und sich die neuen Mieter:innen noch nicht kennen, ist soziokulturelle Animation sinnvoll am Anfang; Ziel ist dabei, aktive Bewohner:innen zu finden, die dann nach einer Anfangsphase die Organisation des sozialen Lebens in der Siedlung selber übernehmen können. Wenn aber eine Siedlung von Anfang an von den zukünftigen Bewohner:innen geplant wird, zum Beispiel im Rahmen einer Genossenschaft und von einer Eigentümer-Gemeinschaft, braucht es keine professionelle Animation, weil die Betroffenen auch das soziale Siedlungsleben von Anfang an selbst organisieren.

Soziale Vernetzung, Unterstützung und Berührung sind am wichtigsten.

Weshalb braucht es soziale Vernetzung?
Für was braucht es denn überhaupt soziale Vernetzung? Wichtig ist sie vor allem für hochaltrige, wenig mobile, betreuungsbedürftige Menschen, die nicht oder nur beschränkt von Angehörigen unterstützt werden. Das beste Mittel, um bis ins hohe Alter zufrieden und einigermassen gesund zu bleiben, ist nicht die Medizin, sondern es sind unterstützende sozialen Beziehungen; Glaube, Liebe und Hoffnung. Liebe und Zuneigung von Menschen, die sich treffen, sind das Wichtigste. Distanz-Beziehungen mittels Telefons oder Internet können das nie ersetzen. Deshalb müssen wir altersgerechtes Wohnen nicht nur technisch, sondern auch psychosozial planen und umsetzen.

Link zur Präsentation von David Fässler:

David Fässler arbeitet als selbständiger Berater und stützt sich dabei auf seine Aus- und Weiterbildungen als Gerontologe, Planer, Jurist und Rechtsanwalt ab. Infos über seine Dienstleistungen auf www.fredpartner.ch

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