Wenn aus Hilfe Gewalt wird

Das Risiko, Opfer von Gewalt zu werden, steigt mit zunehmender Pflegebedürftigkeit und Abhängigkeit im Alter. Rechtzeitig Hilfe zu holen, ist für das Wohlbefinden entscheidend.

Teil 5

Von Barbara Baumeister

«Ich wollte sie doch nur festhalten, damit sie nicht wieder das ganze Geschirr ausräumt.»

So beginnt die Erzählung eines 70-jährigen Mannes, der seit Jahren seine an Demenz erkrankte Frau zu Hause pflegt. «Nachts irrt sie ruhelos durch die Wohnung, tagsüber ist sie oft nicht ansprechbar, manchmal auch aggressiv.» Der Ehemann berichtet weiter, dass er sie manchmal nur mit Mühe davon abhalten kann, sich selbst oder ihn zu verletzen, wobei es zu Handgreiflichkeiten käme. Beide tragen blaue Flecken davon – nicht aus Bosheit, sondern aus Überforderung. 

Dieser Erfahrungsbericht ist kein Einzelfall. Gewalt in der häuslichen Pflege geschieht oft leise und unbeabsichtigt – doch sie hinterlässt Spuren, körperlich wie seelisch. Die Häufigkeit der Vorfälle kann nur geschätzt werden, da sie meistens im nicht-öffentlichen Raum und in einer Abhängigkeitsbeziehung stattfinden. Laut des Nationalen Kompetenzzentrums Alter ohne Gewalt sind jährlich 300 000 Menschen in der Schweiz davon betroffen. Viele der Betroffenen schweigen aus Scham oder sie können beispielsweise aufgrund kognitiver Einschränkungen nicht mehr über Gewaltvorfälle berichten. 

Formen von Gewalt in Pflegebeziehungen

Gewalt und Vernachlässigung in der häuslichen Betreuung alter Menschen stellen nicht immer Straftatbestände dar, dennoch können sie die Rechte wie auch die Gesundheit der Opfer tangieren. Untersuchungen zeigen, dass sowohl die betreuungsbedürftige Person als auch die pflegende Person Gewalt anwenden oder erleiden und somit Opfer und Tatperson zugleich sein können. Wird die Gesamtsituation, in der Gewalt in Pflegebeziehungen entsteht, differenziert betrachtet, so wird deutlich, dass eine Einteilung nach den Kategorien Tatperson und Opfer häufig zu kurz greift, da beide Parteien unter dieser Situation leiden. 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gewalt gegen ältere Menschen als eine einmalige oder wiederholte Handlung – oder das Unterlassen einer notwendigen Handlung – innerhalb einer Vertrauensbeziehung, die der älteren Person Schaden oder Leid zufügt. Gewalt ist dabei nicht immer absichtlich. Die genannte Definition umfasst viele Formen von Gewalt an älteren Menschen. Die WHO schliesst explizit physische, psychische, sexuelle Misshandlung, finanzielle Ausbeutung sowie Vernachlässigung, und Diskriminierung mit ein. Auch wenn eine betreuende Person aus Erschöpfung laut wird, aus Hilflosigkeit fest zupackt oder aus Frust droht, kann das bereits als Gewalt gelten.

Wenn Pflege zur Belastung wird

Rund 80 Prozent der über 80-jährigen werden in der Schweiz zu Hause betreut. Die Pflegebedürftigen sind im Durchschnitt 83 Jahre alt. Bei etwas mehr als der Hälfte wird die Pflege durch den Partner, die Partnerin übernommen. Bei den Restlichen durch die nachkommende Generation, in der Regel die Töchter oder Schwiegertöchter. 

Eine anspruchsvolle Aufgabe. Betreuende müssen nicht nur körperliche und emotionale Belastungen aushalten. Ebenso herausfordernd ist es, die pflegerischen Aufgaben mit Erwerbstätigkeit und eigener Familie sowie eigenen Interessen und Wünschen unter einen Hut zu bringen. Das alles kann gesundheitlich beeinträchtigen, denn häufig wird viel mehr Zeit in die Betreuung und Pflege investiert als ursprünglich geplant war. Auch für die betreute Person ist es nicht einfach, abhängig zu sein und Hilfe von Angehörigen anzunehmen. Wer seine Abhängigkeit schwer erträgt oder an starken körperlichen Schmerzen leidet, reagiert zuweilen gereizt, manchmal gar aggressiv. 

Wenn dann noch Missverständnisse, alte Konflikte oder ungelöste Gefühle aus der Vergangenheit dazukommen, ist die Grenze zur Überforderung schnell überschritten. Es ist daher entscheidend, diese Situationen frühzeitig zu erkennen – und zu handeln.

Was tun, wenn die Pflegebeziehung aus
dem Gleichgewicht gerät?

  1. Achten Sie auf Ihre Belastungsgrenzen:
    Holen Sie frühzeitig Unterstützung.
  2. Sprechen Sie über Ihre Situation: Vertrauen Sie sich einer Freundin oder einem Freund,
    einem Seelsorger oder einer Fachperson an.
  3. Nutzen Sie Entlastungsangebote:
    Auch stundenweise Hilfe kann Wunder wirken.
  4. Erarbeiten Sie einen Notfallplan: Wer kann
    einspringen, wenn Sie nicht mehr können? Gibt es einen Fahrdienst, ein Tagesspital, eine Kurzzeitpflege?
  5. Bilden Sie ein Netzwerk: Niemand soll
    allein pflegen müssen. Familie, Nachbarn,
    Kirche, Vereine – bauen Sie Kontakte auf.

Fazit: Gewalt hat viele Gesichter –
und viele Lösungen


Wenn Gewalt in der häuslichen Pflege auftritt, geschieht das selten aus Bosheit. Meist ist sie das Ergebnis von Überforderung und fehlender Unterstützung. Denn Pflege kann gut gelingen. Viele Angehörige berichten, dass sie trotz aller Anstrengung Sinn und Dankbarkeit in ihrer Aufgabe finden. Es ist deshalb wichtig, frühzeitig Hilfe anzunehmen – bevor Situationen eskalieren.

Hilfe finden

Hausärztin / Hausarzt: Ihre erste
medizinische Anlaufstelle

Spitex Schweiz: ambulante Pflege und
Unterstützung zu Hause, www.spitex.ch

Pro Senectute: Beratung für ältere Menschen und Angehörige, www.pszh.ch

Alzheimer Schweiz: speziell für
demenzbetroffene Familien,
www.alzheimer-schweiz.ch/de/zuerich

Gerontologische Beratungsstelle/SiL:
www.stadt-zuerich.ch/sil

UBA – Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter: Bei Fragen zu Missständen, www.uba.ch

Entlastungsdienst Schweiz: kurzfristige
Pflegevertretung oder stundenweise Hilfe,
www.entlastungsdienst.ch/zuerich

KESB: www.stadt-zuerich.ch/de/lebenslagen/kindes-und-erwachsenenschutz/meldung-kesb.html

Barbara Baumeister

dipl. Psychologin FH
Geronto­psychologin AGe+
der ZHAW

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