Wenn die Liebe geht – Der Verlust von Partnern, Freunden, Geschwistern
Teil 2
von Matthias Joos
Ich höre noch ihre Stimme.
Den Klang ihres Lachens.
Die Gespräche beim Kaffee.
Das gemeinsame Schweigen
in einer unserer Umarmungen,
die Einssein ahnen liessen.
Dann wurde es still.
Zuerst aussen – dann innen.
Und ich spürte:
Das war kein Abschied.
Das war ein Zerreissen.
Ihr Tod kam nicht wie ein Ereignis,
das es zu verarbeiten galt.
Er kam wie eine Leerstelle,
die sich jeden Tag neu füllte –
mit Erinnerungen, mit Schmerz, mit Liebe.
Mit dem, was war.
Mit dem, was nie mehr so sein wird.
Ich habe lange versucht,
diese Lücke zu schließen.
Mit Aktivität. Mit Tapferkeit.
Mit dem Satz: „Das Leben geht weiter.“
Aber das tut es nicht einfach so.
Nicht ohne sie,
die es mit mir geteilt hat.
Es gibt Verluste, die gehen tiefer.
Nicht nur, weil ein Mensch fehlt,
sondern weil mit ihm auch ein Teil von mir gegangen ist.
Der Verlust ist nicht nur ein Fehlen,
sondern auch ein Fragen:
Wer bin ich jetzt – ohne dich?
Was bleibt von mir,
oder später – was wird aus mir,
wenn du nicht mehr da bist?
Ohnmacht
Ich war ohnmächtig.
Nicht schwach, aber machtlos –
Entkleidet aller Sicherheiten.
Entlassen aus dem Glauben,
ich hätte das Leben im Griff.
Zuerst wollte ich zurück.
Etwas festhalten.
Etwas retten.
Doch je mehr ich mich wehrte,
desto größer wurde die Leere.
Irgendwann
wurde aus der Ohnmacht
ein stiller Ort.
Nicht Resignation.
Nicht Akzeptanz.
Nicht Trost.
Aber ein erstes Einverständnis.
Nicht mit dem Verlust –
sondern mit dem Leben, das ihn enthält.
Ich begann zu verstehen:
Diese Ohnmacht ist keine Schwäche.
Sie bietet einen Zustand,
in dem ein neues Sehen beginnen kann.
Ich hörte auf,
gegen das Unerträgliche zu kämpfen.
Und begann, es zu halten –
so gut ich konnte.
Nicht mit den Händen,
sondern mit meinem Herzen
Freundschaft
Dann waren Menschen,
die in diese Leere traten –
nicht als Ersatz,
sondern als neue Verbindung.
Ein gemeinsamer Spaziergang,
ein stilles Verstehen,
ein Blick, der sagt:
„Du bist da – und ich – und ein Wir mit uns.“
Freundschaft im Alter ist ein zartes Band.
Sie braucht keine großen Erlebnisse mehr.
Nur Nähe. Zuhören. Dasein.
Vielleicht ist das die eigentliche Kostbarkeit:
Menschen, die bleiben,
auch wenn wir im Innern
langsam zerbrechen.
Die uns helfen, aus den Bruchstücken
ein neues Mosaik zusammenzusetzen
Und uns lehren,
alles ist zerbrechlich,
und genau darin liegt die Schönheit.
Hingabe
Am Ende blieb nicht das grosse Wort.
Sondern eine Geste.
Eine Hand auf meiner Schulter.
Ein stilles Bild im Herzen.
Ein Loslassen –
nicht aus Gleichgültigkeit,
sondern aus Liebe.
Die Liebe geht nicht einfach.
Sie verwandelt sich.
Und mit ihr wandelt sich auch etwas in mir.
Was ich nicht halten kann,
darf ich würdigen.
Was ich würdige,
kann ich loslassen.
Und was ich loslasse,
lebt oft tiefer in mir als alles, was ich krampfhaft festhalte.
Die Bücher erscheinen bald im Axionum Verlag Schweiz. Vorbestellungen nimmt der Verlag gerne entgegen.

Matthias Joos, Diplom Mathematiker, psychologischer Berater in eigener Praxis in Küssnacht am Rigi, Autor www.matthiasjoos.ch