3 min 12. Juni 2025 Was bleibt wenn wir verlieren?

Wenn ich nicht mehr für mich entscheiden darf – Der Verlust von Mündigkeit und die Frage nach Würde

Teil 3

von Matthias Joos

Es begann leise.
Ein verlegter Schlüssel.
Ein vergessener Name.
Ein Moment des Zögerns,
wo früher Gewissheit war.
Eine Bestellung von 2000 Klarsichthüllen,
wo 5 gebraucht wurden.

Manchmal merkt sie es selbst.
Of verdrängt sie es.
Gerade wehrt sie sich mit aller Kraf -
gegen das, was da vielleicht kommt:
ein allmähliches Entgleiten
ihres Lebens
aus ihrer eigenen Hand.

Seit Jahren hatte sie gekämpf
gegen die unweigerlichen Folgen „ihrer“ Krankheit.
Ein Hinauszögern.
Ein Aufhalten Wollen.
Das Annehmen von Hilfen, die sie eigentlich gar nicht wollte.
Und das wütende Ablehnen von Hilfen,
weil sie die Illusion nährten, vielleicht doch verschont zu werden. Doch so war es nicht.

Irgendwie ging es noch lange - irgendwie.
Ich, ihr Bruder, war hilfreich, aber eigentlich zu nah.

Die Angst vor Bevormundung

Heute ist ihre Angst nicht nur die vor dieser Krankheit.
Sondern die, nicht mehr gefragt zu werden.
Nicht mehr ernst genommen zu sein.
Dass jemand anders bestimmt,
was gut für sie ist.
Oder noch schlimmer:

Dass sie vor sich selbst gar nicht mehr als jemand gilt.

Was bleibt von ihr,
wenn sie nicht mehr über sich selbst bestimmen kann?

Wenn andere entscheiden,
wo sie lebt,
was sie isst,
wer zu ihr darf
und wann?

Wenn ihr Körper berührt wird,
ohne dass sie zustimmt —
nicht aus Lieblosigkeit,
sondern aus „Pflege“?

Wenn ihr Gesicht sich verändert
und sie sich selbst nicht wiederkennt?

Wenn Worte sie verlassen
und nur ein Blick bleibt?

Wenn sie auf andere angewiesen ist -
und sie die Welt dabei verliert?

Sie kennt diese Angst.
Nicht aus Büchern.
Sondern aus Begegnungen.
Grenzverletzungen sind ihr nicht fremd.
Der Schrecken davon wurden eingeschrieben in ihre Zellen,
lange vor jenem Moment der Ent-Scheidung.

Ein neuer Ort des Ich

Würde sie im Dämmerlicht der Ohnmacht -
einen neuen Ort des Ichs finden können?
Würde sie noch Da-Sein wollen?

Manche werden dort klein.
Andere stark.
Wieder andere still.

Manchmal,
wenn ich ihr gegenübersitze,
spüre ich etwas,
das größer ist als alles,
was man über sie sagen könnte.

Etwas, das bleibt –
auch wenn das Denken nachlässt.
Auch wenn die Sprache versiegt.

Ein Leuchten.
Ein Würdefunke.
Ein Menschsein jenseits von Leistung, Kontrolle und Klarheit.

Vielleicht ist das
die Kefste Herausforderung im Alter:
nicht nur loslassen zu lernen,
sondern anvertraut zu werden,
und sich anvertrauen.

Nicht als Objekt,
sondern als eine Seele,
die weiterlebt, weiterfühlt,
weiter atmet –
auch wenn sie sich nicht mehr erklären kann.

Vielleicht braucht es nicht immer ein Verstehen.
Manchmal reicht ein Da-Sein.
Eine Berührung.
Ein Blick.
Ein langsames Mitgehen.
Ein leises „Ich bin bei dir“,
auch ohne Worte.

Vielleicht ist es genau dann meine Aufgabe –
nicht alles richtig zu machen,
überfordert sein zu dürfen,
aber auch sie zu sehen,
auch dann,
wenn Sprache und Selbstbild zerfallen.

Und vielleicht ist das auch eine leise Hoffnung für mich selbst:

Dass es für sie einen Raum gibt,
wo Würde auch dann bleibt,
wenn das Entscheiden endet.

Die Würde:

Die Würde –
Glanz der Seele,
ein inneres Leuchten,
unberührbar,
selbst in der Nacktheit
noch bekleidet.

Was,
wenn wir nicht mehr halten können,
was uns heilig ist?
Können wir es dann preisgeben –
in Würde?

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Die Bücher erscheinen bald im Axionum Verlag Schweiz. Vorbestellungen nimmt der Verlag gerne entgegen.

Matthias Joos, Diplom Mathematiker, psychologischer Berater in eigener Praxis in Küssnacht am Rigi, Autor www.matthiasjoos.ch

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