3 min 1. Juni 2025 Was bleibt wenn wir verlieren?

Wenn ich selbst gehe – Der bevorstehende Verlust des eigenen Lebens

Teil 4

von Matthias Joos

Ich dachte lange, der Tod sei etwas, das anderen passiert.

Ein ferner Horizont, ein schwarzer Punkt am Rand des Sichtfeldes. Man weiß, dass er kommt – irgendwann.
Aber nicht jetzt. Nicht heute. Nicht ich.

Dann wurde er mir näher.
Durch Verluste.
Durch eigene Erschöpfung.
Durch Unfälle, die knapp ausgingen. Durch Freunde, die schon gingen. Durch eine leise Ahnung:
Ich bin nicht unerschöpflich.

Der Tod war mir oft eine Grenze,
an der ich das Leben besonders spürte, aber es gibt auch diesen Raum dahinter, der kein Zurück erlaubt.

Irgendwann begann ein anderer Blick. Nicht panisch – aber wach.
Nicht verklärend – aber still.

Der andere Blick

Ich begann, mein Leben nicht nur als Fortschritt zu sehen, sondern als Bewegung auf etwas zu.
Etwas, das ich nicht kenne.
Etwas, das ich nicht bestimme.
Etwas, das ich vielleicht nicht besitzen –
aber dem ich mich anvertrauen kann.

Es gibt Tage, da kommt die Angst.
Nicht nur vor dem Sterben selbst –
sondern vor dem Unvollendeten.
Vor dem, was ich nicht mehr werde klären können.

Vor der Unordnung, die bleibt.
Vor den Dingen, die ich versäumt habe. Vor der Frage: War es genug?

Ich glaube nicht mehr, dass man am Ende „fertig“ sein muss. Dass man „bereit“ sein kann wie für eine Prüfung.
Vielleicht geht es eher darum, nicht mehr festhalten zu müssen.

Oder vielleicht doch lieber Kontrolle

Ich habe das Exit-Programm gelesen.
Ich kenne die Gedanken. Selbstbestimmt sterben. Nicht dem Verfall zusehen.
Die Kontrolle behalten - bis zuletzt.

Ich verstehe das.
Und zugleich frage ich mich:
Ist Kontrolle wirklich das Gegenteil von Angst? Oder ist es gerade die Angst,
die uns nach Kontrolle greifen lässt?

Vielleicht gibt es ein anderes Bild: nicht Ausstieg, sondern Übergang. Nicht entweder - oder, sondern ein Dazwischen.
Ein Raum, in dem ich falle -
aber das Leben nicht in Gefahr ist.

Wenn ich an meinen Tod denke,
dann wünsche ich mir nicht den großen Abgang.
Ich wünsche mir ein leises „Ich darf gehen“.
Ein inneres Einverständnis.

Vielleicht ist da etwas -
größer als ich.
Still.
Unbeweisbar. Aber tragfähig. Ohne
mich, aber nicht ohne das Leben.

Letzter Raum

Ich weiß nicht,
was nach dem Ende kommt.

Aber ich spüre,
dass da ein Raum sein könnte,
der nicht leer ist.

Kein Besitz, kein Versprechen –
aber Gegenwart.

Vielleicht bin ich dann
nicht mehr „ich“.
Aber nicht nichts.

Vielleicht ist das
das Letzte, was bleibt:
Nicht Gewissheit –
sondern Vertrauen.

Ins Leben selbst,
das den Tod zum Atmen braucht.

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Die Bücher erscheinen bald im Axionum Verlag Schweiz. Vorbestellungen nimmt der Verlag gerne entgegen.

Matthias Joos, Diplom Mathematiker, psychologischer Berater in eigener Praxis in Küssnacht am Rigi, Autor www.matthiasjoos.ch

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