Erzählen verbindet

Teil 5

In heutiger Zeit – hektisch und zunehmend digital geprägt – bleibt das Erzählen eine der verbindendsten menschlichen Aktivitäten. Geschichten teilen: das bedeutet erzählen und zuhören. Beides ist von ebenbürtiger Bedeutung und um beides geht es an Erzählcafés. Austausch ist ein Urbedürfnis und wer ihn pflegt, tut etwas für die andern und für sich selbst.

Von Dominique Schwank
Seit vier Jahrzehnten gibt es im deutschsprachigen Raum Erzählrunden, Erzählcafés, biografische Gesprächskreise. Anfangs nur vereinzelt und in therapeutischen Settings, finden sie heute zahlreich statt, durchgeführt von Quartiervereinen, Bibliotheken, religiösen Gemeinschaften und Organisationen des Sozial- und Gesundheitswesens. Fazit: Da muss etwas dran sein an diesem Format. Einigkeit besteht darin, dass Bewegung wichtig ist, die Gesundheit erhält und fördert. Dazu gehört auch die mentale Dynamik: Kreuzworträtsel, Sudoku, die Teilnahme an Erzählcafés. Und wie der Name schon verrät, so schwingt bei Letztgenanntem die soziale Komponente mit. Ausserhalb der eigenen vier Wände und ohne Anmeldung mit anderen zusammenkommen, persönliche Geschichten zu einem Thema erfahren und vielleicht auch selbst etwas preisgeben. Hier kommen unverbindliche Leichtigkeit und der Wunsch nach Gemeinschaft zusammen. Dabei ist auch eine Portion Neugier. Und warum die Sensation von damals, als der Grossvater aus seiner Kindheit berichtete und wir an seinen Lippen klebten, nicht wieder einmal erfahren?

Erzählen und Café

Die Art und Weise, wie ein Erzählcafé abläuft, ist unterschiedlich. In der klassischen Form gibt es zwei Teile. Im ersten stehen die persönlichen Geschichten im Zentrum. Das Thema ist jeweils vorgegeben und reicht von Aberglaube bis Zuhause. Die Moderatorin oder der Moderator weist eingangs auf die zu beachtenden Punkte hin. Wichtigster ist, dass nur erzählt, wer dies will; eine Freiwilligkeit, die von allen Teilnehmenden respektiert wird. Wenn die Runde ins Stocken gerät, sind neue Inputs gefragt. Es gilt aber auch, Momente der Stille gewähren zu lassen; eine Erzählung braucht Raum zum Ausklingen. In diesem Teil haben philosophische Betrachtungen und Rückfragen keinen Platz. Wohl aber im anschliessenden. Beim Kaffee können die Geschichten hinter den Geschichten in Erfahrung gebracht werden. Dieser Teil ist vollkommen frei und die Themen sind offen.

Was bringt’s?

Zu den ersten Erzählcafé-Projekten gehört jenes einer Gruppe Sozialtätiger in Berlin in den Siebzigerjahren. Ziel war, im Bau arbeitende Menschen aus verschiedensten Nationen einander näher zu bringen. Geschichten sollten die Bausteine sein für diese Brücken. Und tatsächlich führten die persönlichen Erzählungen über Heimat, Familie und Traditionen zu Austausch, gegenseitigem Verständnis und einem vermehrten und anhaltenden Miteinander. Noch immer bezweckt das Erzählcafé das Zusammenkommen von Menschen. Heute geht es zusätzlich darum, Erinnerungen zu wecken und dem Vergessen entgegenzuwirken – dass beides an Erzählcafés geschieht, belegen nicht nur zahlreiche wissenschaftliche Studien – Teilnehmende berichten immer wieder von dieser Erfahrung. Ein Stichwort in einer Erzählung genügt und weckt die Erinnerung an ein eigenes Erlebnis, welches schon (fast) in Vergessenheit geraten ist. Weiter wird durch das Erzählcafé die Tradition der mündlichen Überlieferung gepflegt und lebendig erhalten.

Für wen?

Menschen lieben Geschichten. Darum lautet die Antwort: für alle. Wer sich angesprochen fühlt, das hängt jeweils auch vom Thema ab. Nicht selten kommt es vor, dass eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer zu Beginn wissen lässt «Also zu diesem Thema kommt mir wirklich gar nichts in den Sinn». Bei allen ist die Freude dann jeweils gross, wenn gerade bei jener Person ein Wort dazu führt, dass eine Erinnerung entfacht und eine Geschichte aktiviert wird. In vielen Kulturen spielt Geschichtenerzählen noch heute eine wichtige Rolle und dient der Weitergabe kultureller Werte und der Wissensvermittlung.

Erzählen ist Silber, zuhören ist Gold

Ohne Frage: Geschichtenerzählen, davon lebt das Erzählcafé. Aber was wäre, wenn niemand den Geschichten zuhört? Wenn niemand auf Empfang ist, bedarf es auch keines Senders. Oder andersrum: Wenn alle nur erzählten, gäbe das nicht ein Chaos? Eigentlich sollte es richtig Erzähl- und Zuhörcafé heissen. Denn das eine ist ohne das andere undenkbar, beides gehört zusammen wie Schraube und Mutter. Oder wie der griechische Philosoph Epiktet (50 – 138 n. Chr.) meinte: Der Mensch hat zwei Ohren und eine Zunge, damit er doppelt so viel hören kann, wie er spricht.

Auf netzwerk-erzaehlcafe.ch gibt es eine Agenda mit allen Erzählcafé-Veranstaltungen.

Auch die Rheumaliga führt seit 15 Jahren Erzählcafés durch. Die nächsten Termine sind:
Winterthur, 21. August 2026
Zürich, 28. August 2026
Zug, 24. September 2026
Baden, 30. September 2026 1951 – 2026 Rheumaliga Zürich, Zug und Aargau
Menschlich nah. Fachlich stark. Seit 75 Jahren.
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Badenerstrasse 585, 8048 Zürich rheumaliga.ch/zza

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