«Das Altern ist Normalität»
Wissen
30. März 2026
4 min Lesezeit

«Das Altern ist Normalität»

Die ZHAW Winterthur, Abteilung Angewandte Gerontologie, hat kürzlich eine Veranstaltung durchgeführt mit dem Titel «Wohnmodelle für Generationen. Geplant, gebaut, gelebt». Die aufschlussreichen Erkenntnisse geben einen Einblick in die aktuelle Situation.

Text Daniel Kunz, Vorstandsmitglied ZSS, Foto ZHAW

Nach der Einführung in die Thematik von Katharina Fierz machte Dieter Sulzer von der Hochschulbibliothek auf die Dokumentationen über diverse generationenübergreifende Wohnformen sowie auf die Publikationen zum Thema aufmerksam. 

Kurt Lampart referierte über die Anfänge der Wohnüberbauung «Giesserei» in Winterthur. Er war bereits im Anfangsstadium der Planungsarbeiten und der Gründung der Genossenschaft für selbstverwaltetes Wohnen ab 2005 dabei. Die Geschichte um die Entwicklung der Überbauung, die Kurt Lampart aufzeichnete, ist geprägt von unabdingbarem Engagement der Bewohnenden in finanzieller und ideeller Hinsicht. Seit der Schlüsselübergabe im Jahre 2013 wurde in unzähligen Sitzungen über gemeinsam zu nutzende Einrichtungen, über Administration, über Frondienste zum Wohl aller, über den Umgang mit unterschiedlichen Interessen, und vieles mehr debattiert, gestritten und Lösungswege gefunden. 

Nicht alle machen mit
Für die rund 30 Bewohnenden sind Gemeinschaftsräume eingerichtet worden. Ein Spielplatz im Innenhof gab Anlass zu vielen Diskussionen. Der initiierte Veloladen läuft gut, im Luftschutzkeller hat sich eine Musikgruppe installiert, und die Jugendlichen betreiben einen Jugendraum. Zum Quartier Hegi gibt es Beziehungen durch ein Repair-Café und durch die eingemietete Stadtbibliothek des Quartiers Hegi. Aus seinem grossen Erfahrungsschatz hat Kurt Lampart das Buch «Vom Traum zur Wirklichkeit» verfasst. Dass nicht alles in Minne verläuft in einer Mehrgenerationensiedlung, verstehe sich von selbst, meint Kurt Lampart. So leisten rund 30 Bewohnende keine Freiwilligenarbeiten, die jährlich 30 Stunden umfassen sollten. Sie interessieren sich nicht für die gemeinschaftlich ausgerichteten Formen des Zusammenlebens und müssen deshalb eine Entschädigung entrichten. Demnächst werde über ein neues Eigenleistungsreglement diskutiert, was auf veränderte Bedürfnisse der Genossenschafter hinweise. 

Unterschiedliche Erwartungen
«Generationenwohnen in langfristiger Perspektive» war das Thema der gleichnamigen Studie, die im März 2026 veröffentlicht wurde. Eveline Althaus stellte die wesentlichen Erkenntnisse aus der Fallstudie vor, welche auf der Evaluation diverser Mehrgenerationensiedlungen basiert. Die Ursachen für die Gründung von Generationenwohnformen sind unter anderem in der gesellschaftlichen Entwicklung zu suchen mit dem Ziel, zu Hause alt zu werden. Zudem spielen die Suche nach gemeinschaftlichen Wohnformen und das intergenerative Zusammenleben eine Rolle. Die unterschiedlichen Visionen und Intentionen beinhalten ein Konfliktpotenzial, basierend auf unterschiedlichen Erwartungen. Die Bewohnenden vertreten oft ähnliche Werte, haben aber nicht dieselben Haltungen. Organisatorisch und strukturell ergibt sich laut Studie ein vielschichtiges Konfliktpotenzial: die Verwaltung kann von selbstorganisiert bis kommunal reichen; die Verteilung von gemeinsam zu lösenden Aufgaben kann sehr ungleich sein; das Risiko von Machtkonzentration in der Gemeinschaft kann gross sein; zwischen Rückzug und Begegnung werden individuelle Bedürfnisse manifestiert; Sanierungsmassnahmen beeinflussen die Art des Zusammenlebens. 

Altersbilder als zentrales Thema
Die Altersbilder sind bei Felix Bohm, der sich mit generationengerecht gebauten Wohnungen auseinandersetzt, ein zentrales Thema. «Das Altern ist Normalität», erklärt er, was in seinem Buch «Alter ernst nehmen: Eindrücke aus dem Schwellenland Schweiz» thematisiert ist. Mit «Schwellen» sind die unzähligen Hindernisse gemeint, die die Generationengerechtigkeit in Wohnungen beeinträchtigen: 

  • Unüberwindbare Hindernisse bei Hauseingängen mit steilen Treppen, oft nur einem Handlauf und fehlender Möglichkeit, mit dem Rollator zur Eingangstür zu gelangen. Im Gegensatz dazu sind aber barrierefreie Autozufahrten in die Tiefgarage gebaut worden.
  • Falsch platzierte technische Einrichtungen in den Wohnungen
  • Kaum erreichbare Fenster hinter der Küchenkombination
  • Treppen innerhalb der Wohnung, die für Gehbehinderte nicht zu bewältigen sind
  • Probleme des Verstehens / des Hörens bei Veranstaltungen

Dies sind nur ein paar Beispiele aus den Erfahrungen, die Felix Bohm nachgezeichnet hat. «Die Teilhabe beginnt mit der Planung», sagt er abschliessend.

Im Anschluss an die aufschlussreichen Ausführungen folgte die Podiumsdiskussion. Drei Bewohnende von Mehrgenerationensiedlungen berichteten von ihren reichhaltigen und unterschiedlichen Erfahrungen des intergenerativen Zusammenlebens.

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