Gartenprojekt «Blütenzeit» – vereint Natur, Kunst und Gemeinschaft
Wenn Blumen Erinnerungen wecken: Im Rahmen des Projekts «Blütenzeit» gestalten und pflegen Seniorinnen und Senioren des Wohn- und Pflegezentrum Tertianum Gartenhofs in Winterthur ein prachtvolles Blumenbeet im historischen Garten der Villa Flora – und blühen dabei selbst auf.
Text und Bilder: Sarah Poli
Winterthur. «Oh, wie wunderschön!», schwärmt Maria Theresia Germann. Sanft umfasst sie die zarte rosafarbene Blüte der von ihr bestaunten Bechermalve. Ein Lächeln huscht über das Gesicht der Seniorin, als sich auch Franz Huber dazugesellt. Beide stehen im
historischen Garten des Kunstmuseums «Villa Flora» in Winterthur. Die Sonne fällt tanzend durch das Blätterdach der hohen Ahornbäume. Ein langer Kiesweg gesäumt von Rosenbäumchen, führt zu einer weissen Bank im hinteren Teil des weitläufigen Gartens. Der Sitzplatz eröffnet einen schönen Ausblick auf die «Villa Flora» und ihren Garten. Darin bewegen sich heute auffällig viele Seniorinnen und Senioren. Ihr Augenmerkt fällt dabei auf ein grosses Blumenbeet.
«Unsere Gäste haben dieses wunderschöne Beet innerhalb des Projektes «Blütenzeit» selbst gestaltet, bepflanzt und gepflegt», erklärt Nenad Kragic, Geschäftsführer des Wohn- und Pflegezentrums Tertianum Gartenhof in Winterthur. Bei Tertianum heissen die Bewohnerinnen und Bewohner liebevoll «Gäste». Und als solche sind sie heute zu Besuch in der «Villa Flora».

Ein Projekt wächst – von der Idee bis zum Beet
Genau an jenem Ort, an dem Anfang März noch satter grüner Rasen wuchs, liegt heute ein prachtvolles Blütenmeer auf acht Quadratmeter Fläche. «Es entwickelt sich im Laufe der Jahreszeiten und überrascht uns bei jedem monatlichen Besuch mit neuer Blütenpracht. Im Frühling waren es Narzissen, Wiesensalbei oder Skabiosen – aktuell blühen Verbena oder Herbstanemonen. Im Sommer erfreute uns der Türkische Mohn», berichtet Anita Vetter. Sie ist gemeinsam mit Nenad Kragic Co-Leiterin des Projekts «Blütenzeit» und engagiert sich zusätzlich in der freiwilligen Gartengruppe der «Villa Flora» in Winterthur. Gemeinsam mit
Andreas Flach, gelernter Gärtner und Aktivierungstherapeut sowie Evelin Vorholz, Gartentherapeutin und Teil des Aktivierungsteams, begleitet sie Seniorinnen und Senioren bei ihren Besuchen.
Inspiration aus der Kunst
Der erste Impuls für die Blumenpracht im historischen Garten der «Villa Flora» kam aus der Kunst. Anita Vetter führte die kunst- und garteninteressierten Seniorinnen und Senioren durch die Ausstellung des Malers Félix Vallotton im selben Haus. «Die Blumenbilder haben die Gäste inspiriert. Sie konnten ihre Lieblingsblumen und Lieblingsfarben auswählen. Auf dieser Grundlage wurde das Beet anschliessend gestaltet», so Anita Vetter. Sie gesellt sich zu Rösli Frauenfelder und Hedwig Barp. Beide unterhalten sich angeregt über die Vielfalt der unterschiedlichen Blüten. Nebst Malven tanzen an diesem warmen Spätsommernachmittag auch Zinien, Cosmeen, Prunkwinden, Verbenen und viele weitere Blumen sanft im Wind.
Jeder Monat überrascht mit neuer Pracht
«Blütenzeit» – der Name des Kunst- und Gartenprojektes ist Programm und überrascht jeden Monat mit neuen Blumen. Derzeit stehen die Einjährigen in voller Blüte. Sie wurden von den Seniorinnen und Senioren selbst ausgesät. «Aus einem kleinen Samen entsteht so etwas Schönes. Ich finde die Natur etwas vom Eindrücklichsten», schwärmt eine der Seniorinnen während die andere zustimmend nickt.
Blüten mit vielen Facetten
Das Projekt «Blütenzeit» wurde von Nenad Kragic und Anita Vetter initiiert und ist heute ein fester Bestandteil des Aktivierungsprogrammes des Wohn- und Pflegezentrums Tertianum Gartenhof in Winterthur. Es umfasst viele weitere kreative und verbindende Aktivitäten. So entstanden unter anderem aus gesammelten und pressgetrockneten Blüten kunstvolle Bilder, die nun in den Räumlichkeiten des Tertianum Wohn- und Pflegeheims Gartenhof bestaunt werden können. Nach jedem Besuch hält die Projekt-Gruppe zudem ihre Eindrücke in einem Gartentagebuch fest.
Erinnerungen blühen auf
Das Projekt «Blütenzeit» spricht alle Sinne an: Empfindung, Farbe und Duft bringen die Seniorinnen und Senioren zum Staunen – und fördern gleichzeitig die Motorik. Dies schätzt auch Franz Huber. «Wir haben gejätet, gesetzt, gesät und alles gepflegt. Es ist eine wunderschöne Arbeit. Schon als Kind habe ich zuhause im Garten geholfen.» Mit seinen 96 Jahren bearbeitete er in diesem Frühjahr mit erstaunlicher Agilität das Beet mit der Gartenharke, lockerte Erde und befreite sie von Beikräutern. «Es gehört eben alles dazu. Nicht nur das Setzen und Ernten der Pflanzen.» Die Lebensfreude ist bei seinen Worten deutlich zu spüren. Genau darauf legt Nenad Kragic und sein Tertianum Gartenhof-Team grossen Wert. «Unsere Gäste erinnern sich an Geschichten von früher, an ihre Kindheit, ihre Eltern und die Blumen ihrer eigenen Gärten. Es kommt immer viel Freude auf», so der Geschäftsführer.

Eine florale Gemeinschaft
Im Fokus des «Blütenzeit»-Projektes steht neben der Naturverbundenheit insbesondere die soziale Interaktion. Die zwölf am Projekt teilnehmenden Garten- und Kunstinteressierten sind in der Zwischenzeit zu einer engagierten und harmonischen Gruppe zusammengewachsen. Der Austausch im Garten setzt sich fort – beim Schwatz im Flur oder bei einem gemeinsamen Kaffee. Neue Bekanntschaften sind entstanden. So auch heute, als ein Überraschungsgast in den Garten tritt: Verena Steiner-Jaeggli. «Ich war jeden Freitag zu Besuch hier – und auch damals haben wir hier, sowie heute, Kaffee getrunken», erinnert sie sich und hält ein grossformatiges Schwarz-Weiss-Foto eines Ehepaares in die Höhe. Darauf sind ihre Grosseltern Hedy und Arthur Hahnloser-Bühler abgebildet. Diese übernahmen 1858 das damalige «Haus zur Flora» und brachten in den Folgejahren Gemälde bedeutender Schweizer und Französischer Künstler des Nachimpressionismus nach Winterthur. Verena Steiner-Jaeggli nimmt die Seniorinnen und Senioren des Tertianum Gartenhof mit auf eine Reise in die Vergangenheit und erzählt kleine Anekdoten aus ihrer Jugendzeit. So wie auch Verena Steiner-Jaeggli Erinnerungen zum blühen bringt, blüht auch der Garten durch das gemeinsame Schaffen auf.
Maria Theresia Germann schätzt genau das: «Man ist nicht alleine, es läuft immer etwas, man hat Freundinnen gefunden.» Sie erinnert sich noch gut an den Tag des Beet-Spatenstichs Ende April, als über 100 mehrjährige Staudenpflanzen in die Erde gesetzt wurden. «Wir haben gebuddelt und alle hatten Freude. Wir haben Kaffee getrunken und Herr Nägeli hat das Beet getränkt», erzählt die gartenbegeisterte Seniorin. Auch beim heutigen Besuch greift der erwähnte Fredy Nägeli zur Giesskanne. Er schreitet hin und her, füllt die Giesskanne erneut, um nur kurze Zeit später einen weiteren sanften Wasserstrahl auf den Grund der Erde fallen zu lassen. Sein Gesicht leuchtet zufrieden – als gäbe es in diesem Moment nichts Schöneres.