Zwischen Hoffnung und der Frage, die niemand stellt.
Ein Telefonanruf. Ein Satz. Und plötzlich steht alles wieder auf Anfang. Diese erste Episode erzählt von Wochen der Ungewissheit, von einem abrupten Abschied aus der Pflegewohngruppe und von der Rückkehr nach Hause. Von Momenten zwischen Hoffnung und Angst – und von einer Familie, die versucht, inmitten dieser Situation Halt zu finden. Eine Geschichte über Nähe, Verantwortung und die leisen Entscheidungen des Alltags.
Teil 1
Nach Wochen der Ungewissheit kehrt langsam wieder Ruhe in die Familie ein – zum ersten Mal seit langer Zeit.
Wochenlang wussten wir nicht, wie diese Geschichte ausgehen würde, ob sie überhaupt weitergeht. Wir lebten zwischen Hoffnung und Angst, zwischen Zuversicht und der stillen Frage, die niemand wirklich auszusprechen wagt:
Wie viel Zeit bleibt ihr noch?
Im Oktober hatten wir unsere Mami wegen des Fortschreitens ihrer Alzheimer-Erkrankung in eine sorgfältig ausgewählte Pflegewohngruppe gebracht. Nicht, weil wir das wollten, sondern weil wir glaubten, dass es für sie in diesem Moment der richtige Schritt war. Eine Entscheidung, die wir uns nicht leicht gemacht hatten – und die trotzdem nie unser Wunsch war.
Vier Monate später klingelte an einem Abend das Telefon.
Die Situation sei eskaliert, erklärte uns die Geschäftsleitung. Mami sei aggressiv geworden, habe Dinge beschädigt und stelle für die anderen Bewohner eine Gefahr dar. Dann kam der Satz, der alles veränderte: Psychiatrie – oder wir nehmen sie sofort wieder mit nach Hause.
Für uns war der Fall klar. Seit Wochen trugen wir den Gedanken ohnehin mit uns herum, Mami wieder nach Hause zu holen. Wir liessen alles stehen und liegen. Papa und wir zwei Schwestern machten uns von drei verschiedenen Orten aus auf den Weg.
Als wir ankamen, fiel uns sofort etwas auf: Alle Türen standen offen – sogar die Haupttür, die wegen der Weglaufgefährdung normalerweise immer abgeschlossen ist. Wir rechneten mit dem Schlimmsten.
Instinktiv suchten wir sofort nach Mami.
Gott sei Dank: Sie lag in ihrem Bett und schlief.
Die Pflegeleitung erschien im Korridor. Eine richtige Begrüssung gab es nicht. Das Gespräch fand zwischen Tür und Angel stehend im Gang statt und wirkte auf uns ungeordnet und angespannt. Kurz darauf liess man uns einfach im Flur stehen.
Ganz vorsichtig weckten wir Mami, halfen ihr in den Mantel und erklärten ihr, dass es nun nach Hause geht.
Als wir zuhause ankamen, merkte sie sofort, dass sie wieder da war. Sie lächelte. An diesem Abend setzte sie sich mit uns an den Tisch und ass noch mit uns zu Abend. So wie früher.
Die Erschöpfung holte sie ein.
Sie schlief beinahe 24 Stunden am Stück. Als sie aufwachte, ging plötzlich fast nichts mehr. Sie konnte weder alleine aufstehen noch alleine laufen. Ihr Körper war so geschwächt, dass sie die meiste Zeit nur noch im Bett lag.
Ihr Blick ging oft ins Leere. Das Sprechen fiel ihr schwer. Dann kamen Halluzinationen. Sie sah oftmals ihre verstorbene Mutter und ihre Schwester. Sie ass kaum noch und trank fast nichts mehr. Auch ihre Verdauung funktionierte über mehrere Tage nicht mehr richtig.
Und wir hingen wieder in der Luft – ohne Boden, ohne Gewissheit.
Nach aussen funktionierten wir. Wir handelten, organisierten und hielten durch. Einen Arzt zu finden, der heute noch Hausbesuche macht, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.
Schliesslich wurden wir bei den SOS-Ärzten fündig. Der Arzt, der zu uns nach Hause kam, erklärte uns, dass es möglich sei, dass Mami den Abschiedsprozess begonnen habe. Sicher sagen könne er das jedoch nicht.
Für Mami versuchten wir stark zu bleiben.
Der letzte Ort am Abend war ihr Bettrand. Der erste Gedanke am Morgen: Mami. Nachts schliefen wir mit offener Tür. Wir liessen sie nicht aus den Augen. Wir liessen sie nie allein.
Innerlich zitterten wir.
In solchen Momenten lebt man nicht wirklich. Man lebt von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, manchmal sogar von Minute zu Minute.
Und man wartet.
Dieses Warten legt sich über alles – über Gespräche, über Gedanken, über jede Nacht.
Bis irgendwann der Moment kommt, in dem man spürt: Es geht weiter.
Dann kam dieser April.
Nicht mit einem Wunder. Nicht mit einer grossen Lösung. Aber mit etwas, das wir lange nicht mehr gespürt hatten: Boden unter den Füssen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit standen wir wieder. Und erst in diesem Moment begannen wir zu begreifen, was diese Wochen wirklich mit uns gemacht hatten – und vielleicht auch, wie sehr sie uns geprägt haben.
Eines wussten wir damals noch nicht: Diese Geschichte war noch lange nicht zu Ende.
Demnächst Teil 2 verfügbar . . .