Alterskonferenz macht Mut für die dritte Lebensphase
Drei sich ergänzende Referate, umfassende Informationen von Firmen und Organisationen sowie Raum für Gespräche prägten die 21. Alterskonferenz Anfang Oktober im Volkshaus Zürich. Rund 300 Besucherinnen und Besucher profitierten von dem Anlass für Altersfragen.
Text: Barbara Gasser, ZSS-Vorstandsmitglied
Fotos: Cédric Schmid, freshcom GmbH
«Dritte Lebensphase: So vielfältig wie nie zuvor!» lautete das Motto der diesjährigen von ZSS organisierten Alterskonferenz. ZSS-Präsidentin Cäcilia Hänni freute sich über den vollen Saal und die Unterstützung durch zahlreiche Sponsoren und Organisationen. Die im Titel angekündigte Vielfalt, kam auch in den Referaten über das Alter zum Ausdruck. Dass Regierungsrat Mario Fehr der Tag der Seniorinnen und Senioren «durch die Lappen gegangen ist», wie er in seiner Begrüssungsrede zugab, spielte keine Rolle. Er erlebe die Gesellschaft als vielfältig. «Menschen über 65 Jahren sind sehr unterschiedlich, ebenso wie jüngere auch», sagte er. Möglichst lang selbstständig zu bleiben, wenn nötig jedoch Unterstützung zu bekommen, sollte das Ziel sein. «Ich bin den Altersorganisationen dankbar, für den Anstoss, die Alterspolitik zu überdenken», sagte er. Das Resultat stehe im November fest.

Altersbilder, Auswirkung und wie weiter
Psychologin Christina Röcke gab einen spannenden Einblick, wie das eigene Altersbild das Altern selbst beeinflusst. Reflexionen darüber würden sich lohnen. Etwa wie alt man sich selbst fühlt und wann man alt ist, oder auch wie man selbst alte Menschen behandelt und von anderen Menschen behandelt wird. «Altersbilder zeigen einen Zustand, beinhalten einen Prozess und ergeben sich aus der sozialen Gruppe», erklärte sie. Zudem würden bereits in der Kindheit Vorstellungen zum Altern geprägt. Negative oder eben positive Aussagen haben eine Wirkung.

«In den Jahren um 1800 beeinflussten Heldentum und Verwandschafts-Sagen das Altersbild positiv», sagte Christina Röcke. Rund ein Jahrhundert später wurde Alter mit Krankheit, Tod und Last in Verbindung gebracht. Interessant ist jedoch, dass das Bild, das man sich vom Alter macht, die Gesundheit beeinflusst. «Sind die Altersbilder negativ, steigt zum Beispiel das Risiko, an Demenz zu erkranken.» Auf der anderen Seite sei bei einem positiven Altersbild die Krankheitsrate geringer. «Sowohl die körperliche als auch die kognitive Fitness verbessert sich.»
Die Freude Christina Röckes an ihrem Forschungsthema und ihr Engagement für gutes Altern waren an der Alterskonferenz spürbar. Sie hob Möglichkeiten für ein selbst gestaltetes positives Altersbild hervor: «Man soll sich auf die eigenen Stärken besinnen, Veränderungen akzeptieren und loslassen.» Sie schloss ihre Mut machenden Ausführungen mit einem Zitat von Dr. Jane Barratt, Secretary General International Federation of Ageing: «Das Älterwerden verändert uns. Altersdiskriminierung suggeriert uns, dass jede Veränderung uns weniger wert macht. Wir dürfen diese beiden Dinge nicht länger miteinander verwechseln.»

Geistig wachsen statt abbauen
Nicht nur das Altersbild prägt das eigene Altern, es besteht sogar die Möglichkeit, sich auch im Alter weiterzuentwickeln. Die Neurowissenschaftlerin Barbara Studer beschäftigt sich mit den Funktionen des Hirns, die mit entsprechendem Training erhalten bleiben oder sich sogar noch verstärken. «Ich werde demütig, wenn ich hier so viele Hirne mit Erfahrung sehe», begrüsste sie die Teilnehmenden der Alterskonferenz. Etwas, das sich äusserst positiv auf das Hirn auswirke sei Musik. Deshalb forderte sie alle auf, aufzustehen und mit ihr zusammen ein Lied zu singen, was sehr gut klappte. «Chorsingen synchronisiert die Hirnwellen, wir sind also mitten im Hirntraining.» Sie schlägt vor, mit Gästen zu Hause nach dem Mittagessen zu singen, statt noch mehr Kaffee zu trinken. Und stimmt das Lied «Hemmige» von Mani Matter an. Eine grosse Zahl der Anwesenden macht sofort mit. Wer nicht singen mag, hat trotzdem eine Chance. Gemäss Barbara Studer verbessert auch achtsames Musikhören die Hirnleistung im Alter. Auch Demenz lasse sich damit positiv beeinflussen, denn das Musikgedächtnis sei davon nicht betroffen.

Barbara Studer ist auch Sängerin und spielt mehrere Instrumente. «Versuchen sie doch einmal, die Geige verkehrt herum zu halten», sagte sie mit einem Augenzwinkern. Das gelingt vielleicht nicht so gut. Als Training empfiehlt sie aber, Zähneputzen mit der schwächeren Hand und überhaupt ab und zu aus dem gewohnten Ablauf auszubrechen und gewisse Tätigkeiten auf eine andere Art anzugehen.
Nicht nur der Körper, auch das Hirn profitiere von einer gesunden Lebensweise mit angepasster Ernährung, regelmässiger Bewegung, genügend Schlaf und sozialen Kontakten, jede Interaktion zähle. «Dankbarkeit und Zufriedenheit aktivieren Hormone, die die Hirnstruktur verändern», sagte Barbara Studer. Im Alter werde Lernen komplexer und anstrengender, trotzdem sollen gewisse Herausforderungen angenommen werden im Interesse des sich erneuernden Hirns; zum Beispiel mit Bällen jonglieren, eine Sprache lernen oder Handarbeiten. Es sei möglich, bis ins hohe Alter neue Fähigkeiten zu erlangen. «Es findet kein Abbau, sondern eine Reorganisation des Hirns statt.»

Herausforderungen und Chancen
«Die Alten sind überall dabei und reden drein.» Gemäss Soziologe und Altersforscher François Hopflinger, ist das eine weit verbreitete Ansicht. Tatsächlich seien die Alten aber körperlich und psychisch immer jünger. Gemäss einer Studie schätzten sich vor zwei Jahren die 65- bis 74-Jährigen gleich häufig als innovativ ein wie die 15- bis 34-Jährigen.
In den vergangenen rund 25 Jahren haben sich die sportlichen Aktivitäten der Menschen ab 65 Jahren positiv entwickelt. «Zum Beispiel das viel zitierte Zähneputzen auf einem Bein», sagte er schalkhaft und fügte an «man muss ich vielleicht noch irgendwo halten.» Er brachte auch die Zunahme von E-Bike-Fahrerinnen und -Fahrern auf und die damit verbundene hohe Verletzungszahl. «Auch ein positiver Effekt kann eine negative Seite haben.» Bei diesem Satz ging ein Raunen durch den Saal.

Engagierte Diskussionen
Nach den lehrreichen und spannenden Referaten blieb bei einem Apéro Zeit für den Gedankenaustausch und angeregte Gespräche. Das soeben Gehörte wurde engagiert diskutiert. Mario Fehr, Christina Röcke, Barbara Studer und Francois Höpflinger beantworteten weiterhin Fragen der Seniorinnen und Senioren. Andere verweilten an den zahlreichen Ständen auf dem «Marktplatz» und liessen sich über Neuigkeiten und Möglichkeiten zur Unterstützung in allen Lebensbereichen informieren.

ZSS-Präsidentin Cäcilia Hänni war sehr zufrieden mit dem Verlauf der 21. Alterskonferenz und wies bereits auf die nächste hin: Sie findet am Freitag, 24. September, wieder im Volkshaus in Zürich, statt.

Die Präsentationen zum Thema
Stellung und Aktivitäten der älteren Generationen – Herausforderungen und Chancen, François Höpflinger
Wie unser Altersbild das Altern selbst beeinflusst, Prof. Dr. Christina Röcke