7 min Ausgabe Nr. 2 | 2023

Aufhören! Zeigefinger auf den Jahrgang

Aufhören! Dieser Zeigefinger auf den Jahrgang, dieser Imperativ des Kalenders, der uns als ausgemustert anzeigt – was tun wir, wenn die Endlichkeit an die Türe klopft? Ergreifen wir die Flucht nach vorn, eine, wie es heute heisst, proaktive Massnahme, um sich gegen Enttäuschung und Resignation zu schützen? Aufhören, der schwerste Anfang.

Auszug aus dem neuen Erzählungsband von Isolde Schaad

Isolde Schaad, geboren 1944, lebt in Zürich und gehört zu den namhaften Schweizer Autor:innen der 68er-Generation.
Foto: Ayşe Yavaş

Alte Frauen schauen zum Fenster hinaus, die Umwelt im Blickfeld. 
Sie möchten den Anschluss an das Leben nicht verpassen, denn das Leben spielt sich jetzt ausserhalb ihrer Wohnung ab, sie stellen sich vor, von oben, aus der Vogelschau den Überblick zu haben, aber das Leben, das sie von oben erblicken, ist nicht mehr ihres, es findet in weissen Turnschuhen statt, mit blossen Knöcheln in überlangen Mänteln, Joggingdressen und Strickmützen. Die Eleganz, die ihre Generation gepflegt hat, ist verschwunden, Eleganz ist ein Fremdwort geworden.

Alte Frauen werden übersehen, es sei denn, sie sind Künstlerinnen, die oft erst im Alter eine blendende Karriere hinlegen, Stichwort Louise Bourgeois. Als Autorinnen sind sie hingegen bloss das unscheinbare Pendant zu den überaus präsenten alten weissen Herren, die von jungen Genderbewegten, von farbigen Zeitgenossinnen abgetischt werden wollen. Ein Seitenwagen der MeToo Bewegung, die einen neuen Sexismus entfacht? Das könnte noch kommen. Bald werden alte weisse Frauen eine identitäre Minderheit sein, die dann jemand für schützenswert erklärt. Dann kommen sie in den Zoo der Genderkorrektheit. Das ist nicht der Himmel, oh nein.

Aufhören, der schwerste Anfang.
Aufhören, die Haare zu färben. 
Aufhören, High Heels zu tragen.
Aufhören, wütende Pamphlete in die Maschine zu hämmern, oder Leserbriefe zu verfassen, die dann doch im Papierkorb landen. 
Aufhören, die Kalorien zu zählen, aufhören, abnehmen zu wollen, abnehmen als der seit Jahrzehnten diktierte verinnerlichte Weiblichkeitsreflex. 
Aufhören, von alpinen Landschaften zu träumen, die man in Schneeschuhen überquert.
Aufhören, Reisen zu planen, die seit Jahren auf der Pendenzliste stehen, das Gebirge, den Gipfel, das Land, die Stadt der Sehnsucht zu sehen, bevor es zu spät ist. Es ist längst zu spät.

Die Trägheit ist die Mutter des Aufhörens, selten die Einsicht. Das Aufhören führt brutal zum Thema Entsorgung.

Isolde Schaad

Überhaupt aufhören mit den unstillbaren Wünschen, etwa nach einem unsichtbaren, lautlosen Heinzelmann, der alles Unangenehme stillschweigend erledigt, die administrativen Unannehmlichkeiten, die Bürde des Haushalts. Ein Heinzelmann, der mit starken Armen und grossem Herzen einfach und arglos ist. 

Aufhören mit Widerworten, die sich impulsiv regen und nach aussen wollen – anlässlich der haarsträubenden Ansichten, die etwa Gäste äussern, die der Nachbar, sogar die beste Freundin von sich gibt.

Heisst das auch aufhören, sich zu wehren? Gegen Missverstehen, gegen falsche Annahmen, gegen Verleumdungen, gegen abstruse Behauptungen? 

Ist dann das Aufhören die kampflose Preisgabe einer Lebenshaltung, die einen rebellischen Charakter mit kritischem Intellekt zusammenballt und bis dato ankert? Wäre dann Aufhören ein Akt der Feigheit, Ingeborg Bachmann würde sagen «die Preisgabe der Tapferkeit vor dem Freund». In ihrem Gedicht Alle Tage ist das Ende der Zivilisation angesagt: «Das Unerhörte ist alltäglich geworden» Weiterdenken ist gefährlich, weiterdenken führt zur letzten Konsequenz. Die schieben wir in der Vorstellung immer hinaus. 

Nehmen wir uns das Handlichere vor. Die Quizfragen, die die Tage der Rentnerin begleiten. Die Kreuzworträtsel-Beschäftigungen, die uns die letzten Fragen vom Leib halten. Wie lautet der Schlusssatz von Thomas Manns Zauberberg? Wie heisst die Hauptstadt von Kolumbien? Wie hiess der Mann, der den Nordpol entdeckte. 

Was steht am Ende von Elfriede Jelineks Kinder der Toten, ihrem ungelesenen Monumentalroman? 

Von Beethoven, dessen Jubeljahr wegen Corona so ziemlich in die Hosen ging, heisst es, dass er seine Kompositionen nicht abzuschliessen wusste; am wenigsten gelang ihm das bei seinen Klavierkonzerten, die sich ins Finale stürzen, dort in ein brausendes Crescendo steigern bis zum erwartbaren Schlussakkord, der noch und noch einen draufgibt; das Hämmern hört nicht auf. Der Mann soll tagelang um seinen geliehenen Flügel herum gestampft, gewütet haben, weil ihm kein plausibler Schluss einfiel. Diese zur schnöden Anekdote geronnene Annahme ist zu bezweifeln.

Die Ganzkörperempfindung des Nichtmehr, des Allesvorbei, die tiefer geht als die manchmal ganz angenehme Nostalgie

Isolde Schaad

Solche Erwägungen liefen mir durchs Vorderhirn, als ich zur Busstation tappte, mein Knie spürte, diesmal wars das linke, das nie durch einen Sturz oder eine Verletzung tangiert gewesen war, es muss Arthrose sein, was es zwackt und zwickt, nahm ich an, um das Wort Schmerz zu vermeiden.

Ich stand also an der Bushaltestelle mit diesem Klumpen im Magen, ein schwer zu beschreibendes Unbehagen, das auf die Seele drückt und den Atem flach hält, diese Ganzkörperempfindung des Nichtmehr, des Allesvorbei, die tiefer geht als die manchmal ganz angenehme Nostalgie. Dann hielt mein Blick an der Litfasssäule nebenan, die ich sonst nie betrachte, doch jetzt fiel mir unter kunterbuntem Popgeschmeiss der ahnungsvolle weisshaarige Kopf mit den verwitterten Zügen auf, ein grantiger Kerl, aber ein Kerl, der eine Gitarre in der Linken hielt und sich als John Mayall herausstellte. So ein alter Sack, dachte ich, was will der hier und heute? Ich war beleidigt, dass dieser ausgelaugte Greis sich erlaubte, mein Jugendidol gleichen Namens zu beschatten, ja, regelrecht zu beschämen. Ich war hingerissen gewesen von der Platte Turning Point, die in mir ausgelöst hatte, was gewöhnlich das ganz grosse Gefühl heisst, das sonst nur für den berühmten Coup de foudre reserviert ist.

Dann trat ich zurück und fragte mich, weshalb alte weisse Musiker keinen Heranschmeiss Blues mehr offerieren sollen, der über Jahrzehnte Millionen von Fans beglückt hat. Sie können nicht aufhören. Das irritiert mich. Sie wollen immer noch das Eine, und das Eine ist das Alte. Sie schmeissen sich an die Jugend heran, in himmelhoher Selbstüberschätzung und pochen auf ihren offenbar auf ewig geltenden Kredit. Sprich Sex Appeal.

Dann, eines Tages, in heftiger Auseinandersetzung mit dem Freund der Freunde wurde ich eines Besseren belehrt. Meine in Blei gegossenen Qualitätsmassstäbe begannen zu wanken, denn als rettungslos konservative Seele denunziert zu werden, tat weh.

Aufhören ist keine Option
Plötzlich sah ich ein, dass es auch befreiend wirken kann, wenn nun in den Künsten der Eklektizismus regiert und daher Äpfel durchaus mit Birnen verglichen werden können. Kriterien ändern sich, gerade und vor allem in dem, was bürokratisch das Kulturschaffen heisst.

Ich stand an der Haltestelle und verpasste den Bus. Tief in Gedanken ging ich zu Fuss. Nein, die Alten sollen, die Alten dürfen, die Alten müssen, war schliesslich mein Befund. Aufhören ist keine Option für arrivierte Kulturtäter – international nicht und auch nicht lokal. Nicht für Adolf Muschg oder Franz Hohler, und sie war auch keine für Christa Wolf und Friederike Mayröcker. Währenddessen sich ein Max Frisch schon Ende sechzig fragte, ob sein Schreiben noch etwas tauge. Bekanntlich hat er das vierte Tagebuch nicht autorisiert zur Publikation, es genügte seinem hohen Anspruch nicht. Ob sein Leben ohne Publikationen angenehmer war, hätte ich gerne gewusst.

Meine Umfrage schlitterte in die Sackgasse, der Befund war zu vielfältig, die Sachlage zu divers, um eine Theorie daraus abzuleiten. Die Schlussfolgerung war in ungefähr diese: Die Trägheit ist die Mutter des Aufhörens, selten die Einsicht. Der Aufwand, Dinge zu tun, die nicht lebensnotwendig sind, wird mit vorrückendem Alter beschwerlich. So lässt sich das Schreiben, Singsongwriten inbegriffen, bis zum letzten Atemzug durchaus als lebensnotwendig erachten, während das Tragen von hohen Absätzen sich mit der Zeit von selbst erübrigt. Wie so oft in Interviews, waren die Fragen interessanter als die Antworten. Die Erkenntnis, dass das Thema Aufhören linear und entsprechend brutal zum Thema Entsorgung führt, blieb spürbar, doch unausgesprochen. Sie war keine Linderung des Unabänderlichen, das dahintersteht. Das Endgültige.

Isolde Schaad: Das Schweigen der Agenda. Vom Innehalten und Aufhören – diverse Geschichten. Ca. 160 Seiten. Erscheint im Sommer 2023 im Limmat Verlag, Zürich.
 

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