Ko-Forschung im Alter
Wenn Senior:innen mitforschen, entstehen alltagsnahe Lösungen – glaubwürdig, wirksam und gemeinsam getragen.
Von Dieter Sulzer
Der Bedarf und das Interesse, das Altern wissenschaftlich zu erforschen und Antworten auf die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft zu entwickeln, nehmen kontinuierlich zu. Gleichzeitig wird von Förderinstitutionen, der Praxis, den Hochschulen und nicht zuletzt von Senior:innen selbst vermehrt gefordert, dass nicht mehr länger über sie, sondern gemeinsam mit ihnen geforscht wird und die Forschung entsprechend partizipativ erfolgt. Diese Entwicklung fügt sich in einen breiteren gesellschaftlichen Trend ein, der auch ausserhalb der Wissenschaft sichtbar ist: Teilen, Mitgestalten und Sich-Beteiligen gewinnen an Bedeutung. Doch was genau kennzeichnet partizipative Alternsforschung, und in welcher Form soll die Beteiligung älterer Personen erfolgen? Reicht der blosse Aufruf zur Teilnahme an einer Umfrage aus, um deren Wissen angemessen zu integrieren? Wer bestimmt das Forschungsthema?
Mitwirken – und mitbestimmen
In ihrer konsequenten Ausprägung versteht partizipative Alternsforschung Anspruchsgruppen – insbesondere Senior:innen – nicht lediglich als Teilnehmende, sondern als Mitforschende. Sie sind von Beginn an und über die meisten Phasen des Forschungsprozesses hinweg eingebunden oder lancieren ein Projekt sogar selbst. Sie bestimmen Fragestellungen mit und beteiligen sich an der Analyse erhobener Daten. Durch diese aktive Mitwirkung tragen sie die erarbeiteten Ergebnisse mit und unterstützen deren Verankerung im Alltag. Insbesondere durch das Teilen ihres Erfahrungswissens und ihrer detaillierten Kenntnis der eigenen Lebenswelt leisten Senior:innen einen entscheidenden Beitrag. Ihre Perspektive hilft, Forschung an den tatsächlichen Bedürfnissen älterer Menschen auszurichten und wirkt dem Risiko entgegen, an diesen vorbeizuarbeiten oder sie zu bevormunden.
Gemeinschaftswerk Forschung
Partizipative Forschung ist stets ein Gemeinschaftswerk. Forschende bringen methodische Kompetenzen sowie Expertise ein, die über individuelles und lokales Wissen hinausgeht. Ebenso wichtig kann – je nach Zweck eines Forschungsprojekts – die Beteiligung von Praktiker:innen sein, etwa von Behördenvertretenden, die aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit über spezifisches, praxisorientiertes lokales Fachwissen verfügen. Ein typisches Beispiel für dieses Zusammenspiel ist die Entwicklung von Altersleitbildern für Gemeinden. Senior:innen formulieren ihre Bedürfnisse und machen auf Mängel in ihrer Umwelt aufmerksam. In Arbeitsgruppen gestalten sie neue Angebote oder Anpassungen im Dorf- und Quartierraum mit. Behördenvertretende bringen sich bei rechtlichen oder technischen Fragen ein. Gleichzeitig werden sie für die Perspektiven älterer Bewohner:innen sensibilisiert. Forschende schliesslich übernehmen eine begleitende Rolle, moderieren den Prozess und beteiligen sich an der Veröffentlichung der Resultate.
Win-win-win
Partizipative Alternsforschung soll für alle Beteiligten einen Mehrwert bieten. Ältere Menschen bringen sich aktiv ein und eröffnen sich dadurch Möglichkeiten, Einfluss auf ihre Umgebung zu nehmen, Selbstbestimmung auszuüben und einer Tätigkeit nachzugehen, die individuell als sinnstiftend wahrgenommen werden kann. Sowohl Forschende als auch Praktiker:innen wiederum profitieren von höherer Glaubwürdigkeit, stärkerer Alltagsnähe und einer breiteren Abstützung ihrer Arbeit. Trotz des allgemeinen Trends hin zu mehr Beteiligung steckt partizipative Forschung vielerorts noch in den Kinderschuhen. Dies zeigt sich unter anderem in ihrer geringen Bekanntheit in der Bevölkerung sowie in fehlenden finanziellen und zeitlichen Ressourcen für diese vergleichsweise aufwendige Forschungsmethode. Der Aufbau einer partizipativen Forschungskultur erfordert Zeit: Er bringt heterogene Gruppen zusammen, stellt etablierte Routinen infrage und verlangt von allen Beteiligten Offenheit. Diese Herausforderungen dürfen jedoch nicht dazu führen, dass die Beteiligung älterer Menschen lediglich alibimässig erfolgt.
Eine nachhaltige Community aufbauen
Idealerweise geht partizipativer Forschung der Aufbau einer Community von Senior:innen voraus, die bereits im Austausch mit Forschenden stehen. Ein solcher Dialog kann etwa im Rahmen von Fachveranstaltungen gepflegt werden. Auch eine institutionelle Verankerung von Partizipation – etwa durch wissenschaftliche Beiräte mit der Mitgliedschaft von Senior:innen – kann eine wichtige Grundlage für eine nachhaltige partizipative Kultur schaffen. Partizipative Forschung ist nicht in jedem Kontext sinnvoll. Sie entfaltet ihr Potenzial dort, wo alltagsrelevante oder lebensweltliche Fragen im Zentrum stehen und Ergebnisse direkt in die Praxis umgesetzt werden können. Besonders geeignet sind praxisnahe, interdisziplinäre und lokal verankerte Forschungsvorhaben. In jedem Fall erfordert partizipative Forschung Engagement und Bereitschaft aller Akteur:innen. Neben der Erkenntnis, dass sie zu Lösungen führt, die den tatsächlichen Bedürfnissen der Zielgruppen entsprechen, besitzt sie ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Potenzial: Sowohl viele Beteiligte als auch unabhängig davon befragte Personen beschreiben partizipatives Forschen als sinnvoll, bereichernd und teilweise auch als Freude bereitend.

Dieter Sulzer
ist Mitglied im Kernteam von AGe+, dem interdepartementalen Schwerpunkt Angewandte Gerontologie an der ZHAW, sowie Fachreferent für Angewandte Gerontologie an der ZHAW Hochschulbibliothek.