Nähe, Unabhängigkeit und neue Lebensphasen
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Nähe, Unabhängigkeit und neue Lebensphasen

Nähe: Ein Wort, das nicht für alle dasselbe bedeutet. Doch wie viel Verbundenheit braucht ein Mensch? Und was verändert sich, wenn sich das eigene Leben grundlegend wandelt?

Von Valentin Tschudin und Alexander Knöbel

Nähe kennt kein richtiges Mass
Manche möchten jeden Tag mehrere Menschen um sich haben. Andere sind bereits mit einem langen Telefonat pro Woche zufrieden. Zwei unterschiedliche Bedürfnisse, die wenig über die Lebensqualität der Personen aussagen. Denn wer Zeit für sich braucht, dem fehlt nicht automatisch etwas. Und wer sich Gesellschaft wünscht, ist nicht bedürftig. Nähe kennt keine richtige oder falsche Menge. Viel entscheidender ist, dass die Menge der Nähe zum eigenen Leben passt.

Wer beispielsweise jahrzehntelang jeden Tag unter Menschen war, geniesst nach der Pensionierung vielleicht zunächst die Ruhe und merkt erst später, dass doch etwas fehlt. Das ist dann jedoch keine Kehrtwende, sondern eine ganz normale Entwicklung. Ebenso gilt: Wer als junger Mensch bereits gern Zeit allein verbracht hat, wird dies oft auch im höheren Alter zu schätzen wissen.

Der Takt des Alltags verändert sich
Mit der Pensionierung verschwinden Kontakte nicht einfach, sie entstehen nur nicht mehr von selbst. Wer jemanden sehen möchte, greift nun selbst zum Telefon oder macht einen Termin ab. Auch für Paare beginnt oft eine neue Phase. Menschen, die sich über Jahrzehnte vor allem abends oder am Wochenende gesehen haben, verbringen plötzlich deutlich mehr Zeit miteinander. Das kann bereichernd sein, verlangt aber auch neue Absprachen darüber, wie viel gemeinsame und wie viel Zeit für sich alleine beide brauchen.

Nicht selten verläuft dieser Übergang zeitversetzt. Während eine Person bereits pensioniert ist, arbeitet die andere weiter, wodurch unterschiedliche Tagesrhythmen und Erwartungen entstehen. Diese Veränderungen sagen jedoch wenig über die Qualität einer Beziehung aus. Sie sind vor allem Ausdruck neuer Lebensumstände.

Selbstständigkeit als Entscheidung
Auch in einer Partnerschaft bedeutet Nähe nicht automatisch, den gesamten Alltag miteinander zu teilen. Manche Paare führen dauerhaft getrennte Haushalte und erleben ihre Beziehung mit gemeinsamen Abenden, Ferien und Unternehmungen als eng und verbindlich. Der Familienbericht 2021 des Bundesamts für Statistik zeigt, dass von den 25- bis 80-jährigen Menschen in Partnerschaften 13 Prozent nicht zusammenleben, bei den über 65-Jährigen sind es 6,8 Prozent.

Die Gründe hierfür sind unterschiedlich – manchmal sind sie praktischer Natur, manchmal eine bewusste Entscheidung. Wer lange Rücksicht auf gemeinsame Abläufe genommen hat, möchte vielleicht selbst entscheiden, wann gegessen wird oder das Licht ausgeht.

Und manche Menschen wünschen sich gar keine Partnerschaft. Mehr als ein Drittel aller Privathaushalte in der Schweiz bestehen aus einer einzelnen Person. Allein zu leben ist nicht nur eine Übergangslösung, sondern auch eine bewusst gewählte Lebensform.

Wenn das gemeinsame Leben endet
Nach einer Trennung oder dem Tod eines Partners verändert sich oft zunächst der Alltag. Zwei Kaffeetassen auf dem Frühstückstisch werden zu einer. Bemerkungen, die früher selbstverständlich waren, bleiben unausgesprochen. Entscheidungen müssen plötzlich allein getroffen werden.

Menschen gehen mit solchen Veränderungen unterschiedlich um. Manche wünschen sich schon nach einigen Monaten neue Nähe, andere benötigen länger. Wieder andere entscheiden sich dafür, alleine zu bleiben. Und keiner dieser Wege ist richtiger als der andere.

Eine Trennung verändert dabei häufig auch das soziale Umfeld. Freundeskreise ordnen sich neu, Kontakte gehen verloren. Ein Verlust, der unabhängig vom Ende der Partnerschaft entsteht. Hinzu kommen ganz praktische Fragen: Wer hilft im Alltag? Wer wird im Notfall informiert? Wer übernimmt Aufgaben, die bisher klar verteilt waren?

Nicht selten kommen Erwartungen auch von aussen. Kinder wünschen sich vielleicht, dass ein Elternteil nicht allein bleibt. Bekannte können eine neue Partnerschaft als unpassend oder verfrüht empfinden. Solche Vorstellungen sagen jedoch mehr über die Sicht anderer aus als über die eigenen Bedürfnisse.

Zwei Bedürfnisse, nicht zwei Lager
Verbundenheit und Selbstbestimmung werden häufig als Gegensätze dargestellt. Im Alltag gehören Nähe und Freiraum oft zusammen.

Welcher Aspekt wichtiger ist, kann sich von Tag zu Tag verändern. So kann sich dieselbe Person an einem Tag über Besuch freuen und den nächsten bewusst in Ruhe verbringen wollen. Das ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck unterschiedlicher Bedürfnisse.

Mit den Jahren verändert sich deshalb weniger das Bedürfnis nach Nähe oder Selbstständigkeit als der Rahmen, in dem beides gelebt wird. Wie dieses Gleichgewicht aussieht, entscheidet jeder Mensch individuell für sich.

Quelle: Bundesamt für Statistik, Familien in der Schweiz – Statistischer Bericht 2021, Kapitel Haushalte und Lebensformen und Paarbeziehungen.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit DuoLivo.

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