Warum ist eine systematische Einordnung von Würde wichtig?

«Für meinen wahren Wert als Mensch anerkannt werden.» – Um Ankerkennung zu erreichen, hilft es, Risiken für Würdeverletzungen zu erkennen, diese in Worte zu fassen und politische sowie soziale Massnahmen zur Förderung von Würde zu entwickeln.

Teil 6

Von Prof. Dr. Katharina Fierz

Warum ist eine systematische Einordnung von Würde wichtig?
Mir persönlich helfen Ordnungssysteme, die Welt besser zu verstehen. Sie ermöglichen es, verschiedene Ausprägungen eines Begriffes voneinander abzugrenzen. Sie können dabei helfen, eine Diskussion differenziert zu führen und einander besser zu verstehen. 

Die Forscherin Nora Jacobson entwickelte mit der «Taxonomie der Würde» ein Instrument, mit dem Ebenen von Würde unterschieden, Risiken für Würdeverletzungen erkannt, in Worte gefasst und politische sowie soziale Massnahmen zur Förderung von Würde entwickelt werden können. Besonders im Gesundheitswesen kann sie als «Würde-Screening» dienen – etwa bei der Gestaltung von Pflege, Therapie oder sozialer Unterstützung.

Zwei Formen der Würde
Jacobson* unterscheidet zwei Hauptformen von Würde, die sich ergänzen, jedoch klar unterscheiden:

Menschenwürde: Sie ist ein universeller Wert, der jedem Menschen allein durch seine Existenz zukommt. Sie ist unteilbar, unzerstörbar und nicht verhandelbar.

Soziale Würde: Diese entsteht in der Wechselwirkung zwischen Individuen, Kollektiven und Gesellschaften. Sie umfasst:

  • Die Würde des Selbst: Sie zeigt sich als
    Selbstachtung, Selbstwertgefühl oder ein
    Gefühl der Integrität.
  • Würde in Beziehungen: Diese Form der Würde bezieht sich darauf, wie Respekt und Wert durch individuelles und kollektives Verhalten vermittelt werden. Es umfasst auch das historische Verständnis von Würde als etwas, das
    mit Status oder Rang verbunden ist. Die Erwartungen daran, was Würde sein sollte, und die Wahrnehmung, wann sie vorhanden ist oder fehlt, resp. verletzt wird, hängen von
    den Sitten und Traditionen einer bestimmten Gesellschaft oder Gemeinschaft ab. 

Würdebegegnungen: Orte der Verletzung und
Förderung

Jede menschliche Interaktion birgt das Potenzial, Würde zu fördern oder zu verletzen. Jacobson nennt diese Situationen «Würdebegegnungen». Ob Würde verletzt oder gestärkt wird, hängt von mehreren Faktoren ab:

  • Positionen der Beteiligten: Verletzungen treten häufiger auf, wenn sich eine Person in einer psychisch, physisch oder sozial verletzlichen Situation befindet und z.B. krank, arm, schwach, hilflos, orientierungslos oder beschämt ist und eine andere Person ihr mit Antipathie begegnet. 
  • Beziehungsstruktur: Verletzungen treten häufiger auf, wenn die Beziehung zwischen den
    Akteuren asymmetrisch ist, wie dies der Fall ist bei Fachpersonen aus dem Gesundheits- oder Sozialwesen, die oft über mehr Macht, Autorität, Wissen verfügen als die ratsuchende Person oder deren Familienmitglieder. 
  • Umgebung: Umgebungen, die ein Risiko für Würdeverletzungen in sich tragen, werden oft als hierarchisch und starr beschrieben, voller Ablenkung, Stress und Dringlichkeit, aber mit mangelnden Ressourcen, wie bspw. in Alters- und Pflegeinstitutionen oder Spitälern.
  • Gesellschaftliche Ordnung: Eine soziale Ordnung, in der Ungleichheiten wie Rassismus, Sexismus oder wirtschaftliche Ungleichheit gedeihen, birgt das Risiko von Würdeverletzungen, z.B. wenn Menschen in einer bestimmten Altersgruppe kollektiv negativ beurteilt werden.

Wie wird Würde verletzt?
Jacobson identifiziert über 25 soziale Prozesse, die individuelle oder kollektive Würde verletzen können – darunter fallen unhöfliches, respektloses, herablassendes, abwertendes, stigmatisierendes Verhalten oder Grenzverletzungen, Abhängigkeit, Nichtbeachtung, Gewalt oder Entbehrung. Auch kollektive Würde kann verletzt werden – etwa durch Diskriminierung ganzer Gruppen, beispielsweise alter, kranker oder armer Personen, die als solche erkennbar sind. Dies schwächt das soziale Gefüge und fördert eine «Kultur der Respektlosigkeit».

Die Folgen von Würdeverletzungen zeigen sich auf der individuellen, kollektiven und strukturellen Ebene. Auswirkungen können Verlust von Selbstwert und Vertrauen, Rückzug und Passivität, chronischer psychischer und physischer Belastung oder gesellschaftlicher Marginalisierung sein. Sie führen zu emotionalen und sozialen Schäden wie Scham, Isolation oder Depression.

Wie wird Würde gefördert?
Analog zu Würdeverletzungen werden auch Förderung, Erhalt oder Wiedererlangung von Würde durch eine Reihe sozialer Prozesse bestimmt. Die Förderung von Würde ist in von Vertrauen geprägten Situationen wahrscheinlicher, d.h. wenn sich eine Person selbstsicher fühlt und ein Gegenüber ihr freundlich, aufgeschlossen und ehrlich begegnet. Eine von Solidarität geprägte Begegnung und eine durch Vertrautheit und Empathie gekennzeichnete Beziehung kann würdefördernd wirken. Würdefördernde Umgebungen zeichnen sich aus durch Zugänglichkeit, Transparenz, Freundlichkeit, Schönheit und Ruhe. Schliesslich ist die Förderung der Würde eher unter einer gerechten Gesellschaftsordnung zu erwarten, einer sozialen Ordnung, die für ein angemessenes Einkommen und Wohnraum, Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung sowie andere gesellschaftliche Investitionen in öffentliche Güter sorgt.

Literatur
*Jacobson, N., 2009. A taxonomy of dignity: a grounded theory study. BMC Int Health Hum Rights 24:9:3. Verfügbar unter: doi: 10.1186/1472-698X-9-3.

Prof. Dr. Katharina Fierz
ist Pflegefachfrau Schwerpunkt Psychiatrie. Nach der
Ausbildung und einigen Jahren klinischer Tätigkeit schloss
sie an der Universität Basel zuerst das Masterstudium,
später ein Doktorat in Pflegewissenschaft ab. Seit 2018
leitet sie das Institut für Pflege an der ZHAW. Sie ist Mitglied
der Kerngruppe von Age+, dem interdepartementalen Schwerpunkt Angewandte Gerontologie der ZHAW.

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