Bewunderung für Schweizer Maler im Kunst Museum Reinhart
Nach einem heissen und trockenen Sommer ist der 21. Oktober der erste kühle und nasse Herbsttag – ideal für die Führung im Kunst Museum Reinhart in Winterthur (KMW). 25 Personen nehmen die Möglichkeit wahr, sich durch eine Kunstsachverständige die Entstehung der riesigen Sammlung, das Leben der Maler und die Hintergründe ihrer Werke vermitteln zu lassen.
Text und Fotos Barbara Neff, ZSS-Vorstandsmitglied
Oskar Reinhart (1885–1965) war der Spross einer Winterthurer Handelsdynastie. Sein Vater Theodor Reinhart führte das Unternehmen der Gebrüder Volkart und leistete erfolgreiche Pionierarbeit im direkten Handelsverkehr zwischen Indien und Europa. Sein grosses Engagement und seine Leidenschaft für die Kunst gab er auch an seinen Sohn Oskar weiter.
Oskar Reinhart begann selbst früh zu sammeln und legte bereits Anfang der 1920er Jahre den entscheidenden Grundstock seiner Sammlung an. Er verfügte bereits im Jahr 1940 eine Schenkung von Werken deutscher, Schweizer und österreichischer Künstler des 18. bis 20. Jahrhunderts an die Stadt Winterthur. Dieser Sammlungsteil ist seit 1951 im Museum Oskar Reinhart beheimatet. Den anderen Teil des Sammlungsbestandes mitsamt dem Wohnhaus «Am Römerholz» überliess Reinhart der Schweizerischen Eidgenossenschaft.

«Der Staubbachwasserfall im Sommer»
Eine umfassende Werkgruppe mit Schweizer Künstlern der Frühromantik und des Realismus erwartete zahlreiche Kunstinteressierte, die sich im Kunst Museum Reinhart am Stadtgarten, vormals Museum Oskar Reinhart, im grosszügigen und neu renovierten Foyer einfanden.
Unter der professionellen Führung von Frau Cavegn betrachteten wir als erstes das Bild «Der Staubbachwasserfall im Sommer» von Caspar Wolf aus dem Jahr 1774 etwas genauer. Caspar Wolf zählt zu den wichtigsten Schweizer Malern der Vorromantik und gilt als Pionier der Hochgebirgsmalerei.
Als einer der ersten Künstler bereiste und malte er zwischen 1774 und 1779 die Alpen. Wolf veränderte die Landschaft immer leicht: Er betonte die Höhe der Berge, stauchte Landschaften in der Breite zusammen und rückte die Berge näher zueinander. Trotz diesen Veränderungen ist die Landschaft immer noch leicht zu erkennen. Wolfs Bilder können sogar für wissenschaftliche Forschungszwecke verwendet werden, zum Beispiel um den Zustand der Gletscher in den 1770er Jahren zu ermitteln.

Weitere Schweizer Landschaftsmaler
Auch Francois Diday gehörte zu den bekannten Schweizer Landschaftsmalern im 19. Jahrhundert. Allerdings brachte er mehr Licht in seine Bilder, und diese wirken insgesamt idyllischer. Diday ermöglichte später Alexander Calame, einem jungen Schweizer Bankangestellten, eine Ausbildung bei ihm, und auch Calame entwickelte sich zu einem bedeutenden Landschaftsmaler und Grafiker des späten Romanismus. Er gilt als einer der Hauptbegründer der Genfer Schule der Alpenmalerei.
Die Gruppe bestaunte und analysierte weitere Bilder von Schweizer Landschaftskünstlern wie Barthélemy Menn und Peter Birmann.
Das Highlight der Ausstellung
Gespannt ist man nun auf das Bild «Kreidefelsen auf Rügen» von Caspar David Friedrich, geboren 1774 in Greifswald. Er gilt heute als einer der bedeutendsten Künstler der Romantik.
Das Gemälde zeigt eine Steilküste am Meer mit bizarren grell-weissen Felsen. Am oberen Bildrand berühren sich zwei Buchen. Auf dem schmalen grasbewachsenen Vordergrund befinden sich drei Personen, eine Frau im roten Kleid, ein Mann ängstlich auf dem Boden kriechend und ein weiterer Mann mutig auf dünnen Ästen stehend. Weil das Gemälde nach der Hochzeitsreise Friedrichs mit seiner Frau Caroline im Sommer 1818 entstand, die das Paar auch auf die Insel Rügen führte, gilt die Deutung als «Hochzeitsbild» als plausibel und populär.
Ein weiterer Schweizer Maler des 19. Jahrhunderts ist Rudolf Koller, der das Bild «Gotthardpost» gemalt hat. Beim Museumsbesuch schauen die Teilnehmenden der ZSS-Führung das Bild «Weidende Rinder am Zürihorn» an. Koller bildete in seinen Bildern ausgeprägt die Realität ab und war auch als «Tierlimaler» bekannt.

Arnold Böcklin war ein Freund von Rudolf Koller, mit dem er in Düsseldorf zusammenwohnte und später in Paris mit dem schon erwähnten Alexandre Calame mit Studien im Louvre beschäftigt war.
«Villa am Meer» ist der Titel einer Gruppe seiner Gemälde, die über einen Zeitraum von 14 Jahren hinweg entstanden sind. Das bekannteste Werk Böcklins «Die Toteninsel» ist im Gegensatz zur «Villa am Meer» nicht in Winterthur, sondern im Kunstmuseum Basel ausgestellt. Dafür findet sich auch sein Bild «Triton und Nereide» aus dem Jahr 1877 in Winterthur.
Hodler und Anker dürfen nicht fehlen
Ferdinand Hodler (1853–1918) ist ein Maler des Symbolismus und des Jugendstils. Eine besondere Rolle spielen seine Selbstbildnisse als Selbstbiographie in einzelnen Schaffensperioden. Das Bild «Der Holzfäller» zierte von 1911 bis 1958 die 50-Franken-Note der Schweiz.

Albert Anker lebte etwa zur gleichen Zeit wie Hodler. Anker gehört zu den bedeutendsten Bildnismalern der Schweiz. Mit den Bildern «Bei den Grosseltern» oder «Am Herdfeuer» fängt Anker ein Gefühl von Geborgenheit, familiärem Zusammenhalt und ruhiger Alltagsidylle ein. «Knabe mit Schulsachen» zeigt Ankers Liebe zum geistig wachen Bauernstand.

Nach den tiefen Einblicken in die Sammlung im KMW nahmen sich einige Besucherinnen und Besucher noch Zeit, weitere Bilder zu besichtigen. Andere zogen es vor, gleich für eine Erfrischung ins Café Vollenweider zu gehen.
