Funktionierende Zeitzeugen der Textilindustrie
Im Museum Neuthal im Zürcher Oberland sind 200 Jahre Textilindustrie lebendig geblieben. Auf Einladung von ZSS fand kürzlich eine Führung durch diesen prägenden Industriezweig des Kantons Zürich statt.
Im Museum Neuthal im Zürcher Oberland sind 200 Jahre Textilindustrie lebendig geblieben. Auf Einladung von ZSS fand kürzlich eine Führung durch diesen prägenden Industriezweig des Kantons Zürich statt.
Barbara Gasser, ZSS-Vorstandsmitglied
Damit das Museum seinen Betrieb aufrechterhalten kann, engagieren sich rund 100 Freiwillige seit 30 Jahren. Walter Knuchel und Hans Kaufmann sind zwei von ihnen. Sie haben die 35 Besucherinnen und Besucher in zwei Gruppen durch die spannende Geschichte der Textil- und Industriekultur geführt. Zwar forderte Hans Kaufmann dazu auf, in der Vergangenheit zu denken zum besseren Verständnis für die ausgestellten Maschinen. Doch die Funktion der Webstühle ist bis heute gleichgeblieben, wenn auch die mühsame und teilweise gesundheitsschädigende Handarbeit durch Staub früherer Zeiten wegfällt.

Grosses Interesse und viel Hintergrundwissen
Unter den Teilnehmenden waren etliche, die sich einerseits mit dem textilen Handwerk auskennen und andererseits mit der industriellen Geschichte im Umfeld des Museums vertraut sind. Walter Knuchel spulte denn auch nicht einfach einen vorgezeichneten Rundgang mit auswendig gelernten Informationen ab, sondern ging auf Fragen ein und erklärte zum Beispiel die Funktion einer bestimmten Maschine im Detail. So war zu erfahren, dass etwa das Einfädeln von Garn eine äusserst heikle Sache war, und die Kinderhände dafür am besten geeignet waren. «1872 gab es jedoch ein Gesetz, das Kinderarbeit in der Fabrik verbot, da sie in die Schule mussten», erklärte er. Doch um dieses Gesetz zu umgehen, begann die Heimarbeit, wo es keine Kontrollen gab.

Ein grosses Bild an einer Wand zeigte den Aufstand der Arbeiterschaft von 1832, das den «Brand von Uster» darstellte. Etliche Besuchende wussten davon. Handweber, die ihre Existenz bedroht sahen, setzten eine mechanische Spinnerei und Weberei in Oberuster in Brand. Auf einem anderen Bild, etwas grösser als A4-Format, war Wilhelm Tell zu sehen. Knuchel erklärte, das sei nicht etwa gemalt und auch nicht gedruckt, sondern gewoben.

In einem Raum mit vielen verschiedenen Webstühlen erklärte Rudolf Bollinger deren Funktion. Er habe vor über 50 Jahren selbst darauf gearbeitet. «Solange sie mechanisch angetrieben werden, kann man sie auch noch reparieren», sagte der Fachmann. Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre seien dann computergesteuerte Modelle auf den Markt gekommen.

Aktuelle Themen im Museum
Die Entwicklung der Textilindustrie mit den zahlreichen Maschinen zum Spinnen, Weben und Sticken und die daraus entstehenden Produkte ist das zentrale Thema des Museums Neuthal. Es geht aber auch darum zu sensibilisieren und den grösseren Zusammenhang zwischen der Herstellung von Baumwollstoff und den daraus genähten Kleidern herzustellen. Man sieht die in Behältern aufbewahrten Baumwollblüten und kann die verschiedenen Schritte der Weiterverarbeitung dieses Rohmaterials im Museum direkt mitverfolgen. «Ein Kilogramm Baumwolle besteht aus rund 1000 Blüten», sagte Walter Knuchel. Und dafür brauche es 50’000 Liter Wasser.
Statistisch gesehen würde jede Person in der Schweiz im Durchschnitt 60 neue Kleidungsstücke kaufen – pro Jahr. Im Museum Neuthal findet noch bis im Oktober eine Sonderausstellung zum Thema «Mode macht Geld» statt, ergänzend dazu gibt es Events, die sich mit nachhaltiger Mode beschäftigen.
Die Energie stammte aus der Wasserkraft
Um die Maschinen, die heute im Museum ausgestellt sind, zum Laufen zu bringen, brauchte es Wasserkraft. 1825 gab es auf dem weitläufigen Areal 25 Fabriken, die sich das Wasserrecht teilten. Johann Rudolf Guyer baute das heutige Museum als Industriegebäude nach einem Vorbild aus Manchester (GB). Mit einem Mühlrad konnten 25 Kilowatt Wasserkraft generiert werden.

Sein Sohn, der in der ganzen Welt herumgereist war, setzte später Turbinen ein und steigerte die Leistung auf 110 Kilowatt. Als die Wasserkraft nicht mehr ausreichte, kam die Dampfmaschine zum Einsatz. «Er war ein Visionär, der sich dem Fortschritt nicht verschloss», sagte Walter Knuchel. Er sei ein Händeler, Börseler und Isebähnler gewesen, der die Nordostbahn (NOB) präsidierte. Später entstand daraus die SBB. Sein grösstes und erfolgreichstes Projekt war die Jungfraubahn in Grindelwald.

Das Museum Neuthal ist von Mai bis Oktober jeden Sonntag geöffnet und bietet neben speziellen Events regelmässige Kurzführungen an. Alle Infos auf www.neuthal-industriekultur.ch.