4 min 8. Juli 2026 Zwischen Erinnern und Vergessen

Der lange Abschied

In der dritten Episode von «Zwischen Erinnern und Vergessen» geht es um Demenz als Abschied auf Raten.

Teil 3

Zwischen Erinnern und Vergessen, Episode 3

Manche Abschiede beginnen lange bevor ein geliebter Mensch von uns geht.

In der dritten Episode von «Zwischen Erinnern und Vergessen» erzählen wir, weshalb Demenz oft ein Abschied auf Raten ist. Ein Abschied, der nicht an einem bestimmten Tag beginnt, sondern sich langsam in den Alltag einschleicht.

Als Töchter haben wir erlebt, wie sich kleine Veränderungen über Jahre hinweg zu einer neuen Realität entwickelten. Und wie schwer es sein kann, einen Menschen langsam zu verlieren, obwohl er noch da ist.

Eine persönliche Geschichte über Erinnerungen, Verlust und die Liebe, die bleibt.

Wenn wir heute an die Zeit mit Mami zurückdenken, denken wir nicht zuerst an die Diagnose. Wir denken an die vielen Jahre davor. An gemeinsame Mittagessen, Gespräche und an all die Momente, die unseren Alltag ausgemacht haben.

Als die ersten Veränderungen kamen, haben wir sie nicht sofort mit einer Krankheit in Verbindung gebracht.

Mami suchte plötzlich nach Wörtern, die ihr früher mühelos eingefallen wären. Manchmal erzählte sie etwas und verlor mitten im Satz den Faden. Andere Dinge wirkten zunächst wie kleine Vergesslichkeiten, wie sie wohl jede Familie kennt.

Damals ahnten wir nicht, dass wir uns bereits auf einem Weg befanden, der unser Leben über viele Jahre prägen würde.

Rückblickend war es nicht ein einzelner Moment, der alles verändert hat. Es waren viele kleine Momente. So unscheinbar, dass sie zunächst kaum auffielen.

Vielleicht macht genau das diesen Abschied so schwer. Er beginnt nicht an einem bestimmten Tag. Es gibt keinen klaren Zeitpunkt, an dem plötzlich alles anders ist. Vielmehr schleicht sich die Krankheit langsam in den Alltag ein. Und irgendwann wird einem bewusst, dass vieles, was früher selbstverständlich war, nicht mehr selbstverständlich ist.

Lange hatten wir das Gefühl, Mami sei noch dieselbe. Und natürlich war sie das auch. Sie blieb unsere Mutter. Sie blieb der Mensch, den wir liebten.

Gleichzeitig gab es immer mehr Situationen, die uns zeigten, dass sich etwas veränderte.

Besonders schwer waren dabei nicht die grossen Ereignisse. Es waren die kleinen Momente. Momente, in denen wir merkten, dass etwas verloren ging, das wir immer für selbstverständlich gehalten hatten. Eine Erinnerung, die plötzlich nicht mehr da war. Ein Gedanke, der nicht mehr zu Ende geführt werden konnte. Oder die Erkenntnis, dass Mami bei etwas Unterstützung brauchte, das sie früher ganz selbstverständlich alleine geschafft hätte.

Und trotzdem bestand diese Zeit nicht nur aus Verlust.

Es gab viele Momente, in denen wir Mami ganz nah waren. Momente, in denen wir ihre Wärme, ihren Humor und ihre Stärke spürten. Augenblicke, in denen die Krankheit in den Hintergrund trat und wir einfach Zeit miteinander verbrachten. Genau diese Momente sind es, an die wir heute besonders gerne zurückdenken.

Heute wissen wir, dass der Abschied nicht erst begann, als Mami von uns gegangen ist. Er hatte viele Jahre zuvor begonnen.

Genau darüber wird aus unserer Sicht viel zu selten gesprochen. Wie es sich anfühlt, einen Menschen langsam zu verlieren. Wie widersprüchlich es sein kann, jemanden zu vermissen, der noch neben einem sitzt. Und wie schwer es manchmal ist zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, die man nicht ändern kann.

Erst Jahre später haben wir verstanden, weshalb sich diese Zeit manchmal so schwer angefühlt hat. Weil wir nicht erst Abschied genommen haben, als Mami gestorben ist. Der Abschied hatte längst begonnen.

Vielleicht ist genau das eine Erfahrung, über die im Zusammenhang mit Demenz viel zu selten gesprochen wird.

Demnächst Teil 4 verfügbar . . .

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