Quo vadis Pensionierung?
Als die erste AHV-Auszahlung ins Haus flatterte, stellte ich mir die Frage: Wie geht es weiter?
Über 40 Jahre lang hatte ich mit grosser Freude als Physiotherapeutin gearbeitet. Ich habe dabei immer besonders die Freiheit geschätzt, meine Arbeit mit Familie, Partnerschaft und Freizeit verbinden zu können. Vor allem aber war es der direkte Kontakt mit Menschen, die mich bereichert hat – Menschen jeden Alters, mit Beschwerden des Bewegungsapparates oder mit Krankheiten, die ihr Leben erschwerten.
Viele Freunde sagten mir irgendwann: „Wenn du pensioniert bist, brauchst du ein Hobby.“ Mit 50 begann ich auf Grund meines 3. und jüngsten Sohnes Golf zu spielen, obwohl ich jahrelang überzeugt gewesen war, dass Golf nun wirklich nichts für mich sei. Heute, mit 66 Jahren, muss ich schmunzeln: Aus meinem Hobby ist eine Passion geworden – und aus meiner Passion eine neue Berufung. Mein Hobby ist zu meinem Beruf geworden.
Vor zwei Jahren klingelte dann das Telefon. Sue und Youn Bak, zwei unglaublich engagierte Frauen vom Verein Dementality, suchten Unterstützung beim Aufbau einer Golftherapie für Menschen mit Demenz. Ihre Idee faszinierte mich sofort. Im Januar 2025 begann ich mit Herzblut und viel Neugier, dieses Projekt mit aufzubauen.
Heute trifft sich jeden Donnerstag eine Gruppe von Menschen mit Demenz, Parkinson oder kognitiven Einschränkungen auf dem Golfplatz Winterberg. Von 10 bis 13 Uhr wird bewegt, gespielt, gelacht, geübt und gemeinsam erlebt.
Aber warum muss es denn ausgerechnet ein Golfplatz sein?
Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Weil die Infrastruktur bereits vorhanden ist.
Auf vielen öffentlichen Golfanlagen gibt es ein Restaurant, eine Driving Range, auf der Bälle ins Freie geschlagen werden können, ein Putting Green zum Üben des kurzen Spiels und häufig kleinere Übungsanlagen mit drei, sechs oder mehr Löchern. Diese Bereiche können genutzt werden, ohne dass man gleich eine komplette 18-Loch-Runde spielen muss.
Damit wird der Golfplatz zu einem ganz besonderen Bewegungsraum. Einem Bewegungsraum, in dem sich körperliche Aktivität, Koordination, Konzentration, Gleichgewicht, Kraft, Wahrnehmung und soziale Begegnung auf spielerische Weise miteinander verbinden lassen.
Und das Schöne daran: Diese Infrastruktur gibt es bereits an vielen Orten in der Schweiz.
Das traditionelle Bild vom elitären Golfer hat sich in den vergangenen Jahren ebenfalls verändert. Öffentliche und niederschwellige Angebote – beispielsweise auf Anlagen von Migros Golfparks oder anderen öffentlich zugänglichen Golfplätzen – machen den Sport für immer mehr Menschen zugänglich.
Golf kann aber noch viel mehr als Bewegung.
Gerade für Menschen mit kognitiven Einschränkungen ist die Verbindung von Bewegung und geistiger Aktivität besonders wertvoll. Gleichgewicht, Koordination und Kraft werden trainiert. Gleichzeitig muss der Mensch wahrnehmen, planen, sich orientieren, Entscheidungen treffen und Bewegungen koordinieren.
Und das alles geschieht nicht in einem Therapieraum mit vier Wänden, sondern draussen in der Natur.
Golf ist zudem eine nicht-reagierende Sportart. Der Ball läuft nicht auf den Menschen zu, niemand muss blitzschnell reagieren. Man kann sich Zeit nehmen, ausprobieren, wiederholen und Erfolgserlebnisse sammeln. Ein Ball, der zum ersten Mal tatsächlich ins Loch rollt, kann ein kleines Ereignis sein – und genau solche kleinen Erfolge sind wichtig.
Doch vielleicht liegt die grösste Stärke der Golftherapie noch ganz woanders: im gemeinsamen Tun.
Menschen mit Demenz erleben häufig, dass ihnen im Alltag Dinge abgenommen werden. Golftherapie möchte den umgekehrten Weg gehen: Was kann ein Mensch noch? Was macht ihm Freude? Wo kann er selbstständig etwas ausprobieren? Wo kann er erleben: Das kann ich noch!
Und auch für Angehörige kann ein solches Angebot eine wertvolle Entlastung bedeuten. Während ihre Partnerin oder ihr Partner einige Stunden sinnvoll, aktiv und begleitet verbringt, entsteht Zeit zum Durchatmen. Nicht als Abschieben, sondern als sinnvolle Teilhabe und gemeinsame Entlastung.
Vielleicht müssen wir deshalb unsere Vorstellung von Pensionierung und Alter neu denken.
Pensionierung bedeutet nicht zwangsläufig Rückzug. Sie kann auch bedeuten, Erfahrungen, Wissen und Leidenschaft noch einmal ganz neu einzusetzen.
Ich habe mein Hobby gefunden. Und dabei etwas entdeckt, womit ich ursprünglich überhaupt nicht gerechnet hatte: Dass Golf nicht nur mein eigenes Leben bereichert, sondern vielleicht auch anderen Menschen helfen kann, ein Stück Lebensfreude, Bewegung und Selbstständigkeit zu bewahren.
Darum lautet meine Antwort auf die Frage „Quo vadis Pensionierung?“ heute:
Dorthin, wo Erfahrung auf Leidenschaft trifft.
Dorthin, wo aus einem Hobby eine Aufgabe wird.
Und vielleicht dorthin, wo wir gemeinsam mit Golf ein wenig die Demenz vergessen können.