20. Juli 2026
3 min Lesezeit

Wenn das Alter still macht – wo Seniorinnen und Senioren in der Schweiz wirklich kämpfen

Die Schweiz gilt als wohlhabend, sicher und sozial stabil. Doch hinter dieser Fassade wächst eine Realität, die oft übersehen wird: Viele Seniorinnen und Senioren kämpfen nicht nur mit gesundheitlichen Einschränkungen, sondern mit Einsamkeit, finanzieller Unsicherheit und dem Gefühl, gesellschaftlich an den Rand gedrängt zu werden. Der «Schuh drückt» dabei weniger an einem einzelnen Ort – sondern dort, wo Würde, Teilhabe und menschliche Nähe fehlen.

Ruedi Stutz

Einsamkeit – die stille Volkskrankheit im Alter

Der wohl grösste Schmerz vieler älterer Menschen ist nicht körperlich, sondern emotional. Partner sterben, Freundeskreise werden kleiner, Mobilität nimmt ab. Was bleibt, ist oft Stille. In der Schweiz leiden laut verschiedenen Erhebungen rund 160’000 Menschen über 62 Jahren unter Einsamkeit. Jede vierte Person über 55 berichtet von Einsamkeitsgefühlen.

Besonders betroffen sind:

  • alleinlebende Frauen
  • Hochbetagte
  • Menschen mit eingeschränkter Mobilität
  • Seniorinnen und Senioren ohne familiäres Netz

Einsamkeit ist dabei nicht einfach «traurig». Sie erhöht nachweislich das Risiko für Depressionen, Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einen frühen Tod. Die grosse Herausforderung unserer Zeit lautet deshalb nicht nur: Wie werden Menschen alt? Sondern: Wie bleiben Menschen verbunden?

Altersarmut – verborgen, aber real

Viele glauben, Altersarmut sei in der Schweiz ein Randphänomen. Das stimmt nicht. Hunderttausende ältere Menschen leben nahe oder unter der Armutsgrenze. Besonders betroffen sind Frauen, Menschen mit Erwerbsunterbrüchen, Migrantinnen und Migranten sowie Personen mit kleinen Renten.

Viele schämen sich, Hilfe zu beantragen. Sie verzichten auf:

  • soziale Aktivitäten
  • gesunde Ernährung
  • Zahnarztbesuche
  • kulturelle Teilhabe
  • dringend notwendige Unterstützung

Armut im Alter bedeutet oft nicht Hunger – sondern ein Leben im dauernden Verzicht. Und genau dieser stille Rückzug führt häufig wiederum zu Isolation.

Wohnen im Alter – zuhause, aber nicht altersgerecht

Die meisten Seniorinnen und Senioren möchten so lange wie möglich zuhause bleiben. Doch viele Wohnungen sind dafür nicht gemacht. Fehlende Lifte, hohe Schwellen, schlechte Infrastruktur oder fehlende Nähe zu Dienstleistungen erschweren den Alltag massiv. Gleichzeitig fehlen bezahlbare altersgerechte Wohnformen.

Hinzu kommt:

  • Viele ältere Menschen wohnen allein.
  • Umzüge sind emotional und finanziell belastend.
  • Pflegeplätze werden knapper.
  • Ambulante Betreuung stösst an Grenzen.

Die Zukunft des Alterns wird deshalb stark davon abhängen, wie Gemeinden und Städte Lebensräume gestalten:

  • barrierefrei
  • sozial durchmischt
  • gemeinschaftlich
  • menschlich

Gesundheit und Pflege – die Angst vor Abhängigkeit

Mit zunehmendem Alter wachsen gesundheitliche Herausforderungen. Doch viele Seniorinnen und Senioren fürchten weniger die Krankheit selbst als den Verlust ihrer Selbstständigkeit. Gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel in der Pflege. Angehörige geraten unter Druck, Pflegepersonal arbeitet am Limit und ältere Menschen erleben Unsicherheit bezüglich ihrer Zukunft. Die entscheidende Frage lautet daher: Wie schaffen wir ein würdevolles Altern in einer Gesellschaft, die immer älter wird?

Was ältere Menschen wirklich brauchen

Oft sind es nicht primär neue Programme oder Hochglanzkampagnen. Was viele ältere Menschen brauchen, ist erstaunlich schlicht:

  • gesehen werden
  • gebraucht werden
  • dazugehören
  • mitreden dürfen
  • Beziehungen erleben
  • Sinn erfahren

Seniorinnen und Senioren sind keine «Belastung». Sie tragen Erfahrung, Wissen, Gelassenheit und Menschlichkeit in unsere Gesellschaft. Viele engagieren sich freiwillig, betreuen Enkelkinder oder leisten unbezahlbare soziale Arbeit. Eine Gesellschaft zeigt ihren Charakter nicht daran, wie sie die Starken behandelt – sondern wie sie mit jenen umgeht, die verletzlicher werden.

Schlussgedanke

Der «Schuh» drückt bei älteren Menschen in der Schweiz nicht nur im Portemonnaie oder im Gesundheitswesen. Er drückt dort, wo Menschen sich überflüssig fühlen. Vielleicht ist die wichtigste Aufgabe unserer Zeit deshalb nicht nur die Organisation von Pflege oder Renten. Sondern die Wiederentdeckung von echter Verbundenheit zwischen den Generationen.

Denn niemand möchte einfach nur alt werden. Menschen möchten auch im Alter:

  • dazugehören
  • Bedeutung haben
  • und mit Würde leben können
Weiterlesen

Weitere Kolumnen

2. Okt. 2026

Gebet des älter werdenden Menschen

Auf der Reise in Kastilien und Leön ist mir dieses wunderbare Gedicht begegnet. Teresa von Avila lebte im 16. Jahrhundert und gilt heute als grosse Kirchenlehrerin. Sie war Mystikerin und…

Kolumne lesen

27. Aug. 2026

Manche Fragen brauchen ein Gespräch – besonders zwischen alt und jung

Wen fragen Sie, wenn Sie etwas nicht wissen? Noch vor wenigen Jahren hätte die Antwort vielleicht gelautet: den Partner, eine Freundin, die Kinder oder jemanden, der sich damit auskennt. Heute…

Kolumne lesen

29. Sep. 2026

Spur halten

Wir Menschen sind so zu sagen Fahrende, nicht zu verwechseln mit dem fahrenden Volk der Jenischen. Wir sind bevorzugt auf Rädern unterwegs, meistens mit dem Auto. Dabei empfinden wir ein…

Kolumne lesen