Genau.
Steht ein Vertreter des Bauamtes vor der Haustür, läutet nicht nur die Hausglocke, sondern auch der Alarm meiner Vorahnungen. Die besagte Vertretung verordnete klipp und klar, dass der Blumen- und Grasbewuchs zwischen Grundstücksmauer und Velo-/Fussgängerweg, auf 15 cm Breite, entfernt werden müsse. Innert drei Wochen. Gründlich und eben: Die Vorschrift sei genau umzusetzen. Wahrscheinlich existiert ein Reglement in der Sache, vermute ich. In einer Gemeinde, die sich in Sachen Grünanlagen und Biodiversität als fortschrittlich anpreist, werden in allen Quartierstrassen randständige Kleinpflanzen, bunt blühend, vernichtet, per Aufforderung an der Haustür.
Mit zunehmendem Alter werde man nachlässiger, verrichte Alltagsarbeiten nicht mehr genau, werde man gleichgültiger. Ältere Menschen werden derart wahrgenommen und charakterisiert. Liest und hört man. Ein Altersbild ist zementiert, wird tausendfach verbreitet und kolportiert. Meine Wahrnehmung ist differenzierter. Was einem wichtig ist in der gesamten Sozialität, wird weiterhin und teilweise mit Akribie bearbeitet, gestaltet und regelkonform eingehalten. Wenn ein Sinn dahintersteckt und wenn für andere ein Mehrwert erkennbar und nachvollziehbar ist. Ansonsten sind Renitenz und Gleichgültigkeit und damit die Festigung des Altersbildes die Folge.
Das Unkraut gab den Wasserstein – in genauer Umsetzung der Anordnung – widerwillig frei. Im Wissen darum, dass das Reinigungsfahrzeug der Gemeinde seit dreissig Jahren noch nie auf unserer Strassenseite gereinigt hat, habe ich vielfältig blühende und rankende Pflanzen entfernt. Die Wurzeln abgehackt und am Schluss den blanken Wasserstein zum Vorschein gebracht. Mit einer Ausnahme. Ein stattlicher und wunderschön blühender Lavendel hatte sich etwas in den Weg vorgearbeitet. In einem Anflug von Renitenz habe ich ihn stehen gelassen.
Nach drei Wochen hat das Bauamt erneut geklingelt. Es sei alles gut, meint es. Was der Lavendel soll, war noch die Frage. Der Mitarbeiter soll die Reinigungsbürste kurz anheben und nach dem Lavendel wieder absetzen, war die Antwort. Und als Ergänzung erklärte ich, dass ich seit 30 Jahren den Wendeplatz vor dem Haus, eine öffentliche Fläche, von organischem Material freihalte. Das wars dann.
Oder eben nicht. Seither fährt die Strassenreinigung weiterhin auf der entfernteren Strassenseite vorbei. Darauf angesprochen, meint der Fahrer, die nun unkrautfreie Seite interessiere ihn nicht. Die angrenzende Natursteinmauer, das überhängende Buschwerk, der Unkrautstreifen und der Lavendel wären bisher Grund gewesen, nicht zu reinigen.
Der Mikrokosmos des regelkonform Handelnden ist aus den Fugen geraten. Insbesondere, weil der Nachbar seinen Wassersteinabschnitt nicht gereinigt hat. Ignoranz der Verordnung. Und keine Intervention des Bauamtes. Meine Erkenntnis aus der Geschichte: Gelassenheit für Dummies. Den Ratgeber habe ich vor Jahren geschenkt erhalten. Wenn es niemandem schadet, soll Grünes weiterhin gedeihen dürfen. Und Renitenz, Respekt vor der Naturkraft, Kontrollgläubigkeit, Hinterfragen von Regeln, Bescheidenheit, Grosszügigkeit, Sturheit sollen vor allem auch im Alter beibehalten und gepflegt werden dürfen. Auch das gehört zum lebenslangen Lernen.
Genau.