Hansueli und das E-Bike
Hansueli M. ist 67 und noch viel zu jung für ein E-Bike.
Das sagt jedenfalls Hansueli.
Dass seine Freunde am Berg neuerdings auf ihn warten müssen, hat andere Gründe. Die Übersetzung seines Rennrads ist nicht optimal. Der Reifendruck vermutlich auch nicht. Und seit Rolf diese neuen Carbonlaufräder fährt, ist ein seriöser Vergleich ohnehin kaum mehr möglich.
Hansueli kennt sich aus.
Er besitzt eine Sportuhr, die seinen Schlaf analysiert, einen Brustgurt für die Herzfrequenz und eine Waage, deren Messgenauigkeit er seit einigen Jahren bezweifelt.
Dann kam das E-Bike.
Natürlich nicht einfach so. Hansueli hatte recherchiert. Lange. Schließlich kaufte er ein leichtes E-Mountainbike. Unter zwanzig Kilo. Carbon. Kleiner Motor. Eigentlich, erklärte er seiner Frau Vreni, sei das gar kein richtiges E-Bike.
Sie sah ihn nur an.
Bei der ersten Ausfahrt fuhr Hansueli ausschließlich „Eco“. Unterstützung 30 Prozent. Das ist praktisch Gegenwindkompensation.
Am ersten längeren Anstieg wechselte er auf „Trail“. Nur kurz. Wegen des Knies.
Dann überholte ihn ein Mann, der mindestens zehn Jahre älter war.
Hansueli schaltete auf Turbo.
Nicht aus Ehrgeiz. Er wollte lediglich wissen, wie sich der Motor unter Last verhält.
Oben wartete er auf seine Freunde. Das war neu.
Am nächsten Wochenende fuhr Hansueli einen Weg hinauf, den er seit Jahren gemieden hatte. Dann noch einen. Und irgendwann stand er auf einem Pass, den er früher liebte und den er still aus seinem Leben gestrichen hatte.
Er stellte das Rad ab.
Unter ihm lag das Tal, darüber die Berge. Der Wind war kühl. Für einen Moment dachte Hansueli weder an Watt noch an Herzfrequenz, Akkustand oder Unterstützungsstufe.
Er war einfach wieder da.
Seitdem fährt Hansueli E-Bike.
Meistens Eco.
Sagt Hansueli.
Matthias Joos schreibt über die kleinen und großen Zumutungen des Älterwerdens – manchmal ernst, manchmal mit einem Augenzwinkern. Er ist psychologischer Berater und Autor. In seinem Buch Das Finale – Gedanken zum letzten Viertel. Eine Philosophie des Alterns vertieft er viele der Fragen, die in seinen Kolumnen auftauchen.
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