29. Sep. 2026
2 min Lesezeit

Spur halten

Wir Menschen sind so zu sagen Fahrende, nicht zu verwechseln mit dem fahrenden Volk der Jenischen. Wir sind bevorzugt auf Rädern unterwegs, meistens mit dem Auto. Dabei empfinden wir ein Gefühl von Freiheit, wenn wir möglichst hindernisfrei unser Ziel erreichen, und zählen uns insgeheim zu den besten Autolenkern, ohne Frage.

Christine Kunz-Melliger

Dass diese Selbsteinschätzung mit der Realität nicht ganz mithalten kann, übersehen wir gerne. Die Tatsache, dass Millionen Franken an Verkehrsbussen jährlich unsere Staatskassen füllen, deckt sich nicht mit dieser Auffassung. Begründungen gibt es viele. Nicht selten fällt der Verdacht auf die älteren Verkehrsteilnehmer, die unaufmerksam, in der Bewegung eingeschränkt oder ganz einfach vom hektischen Strassenverkehr überfordert seien. 

Ist diese Erklärung plausibel? Wohl kaum. Die Tatsache, dass Unfälle oft auf schnurgeraden Strassenabschnitten passieren, dass Fahrer auf der Autobahn ohne erkennbaren Grund zur Hälfte auf der Überholspur oder auf dem Pannenstreifen fahren, dass sie vor der Ampel stehen bleiben, auch wenn diese auf Grün schaltet, erfordert eine genauere Betrachtung.  Ablenkung während des Fahrens, heisst der Überbegriff für dieses Phänomen. Häufig verursacht durch das Smartphone, unseren unverzichtbaren Begleiter, der im Fahrzeug jederzeit griffbereit und keinesfalls ausserhalb des Sichtfeldes seinen angestammten Platz einnimmt. Dieser Verführer, ständig bereit, mal schrill, mal schmeichelnd unsere Aufmerksamkeit von der Strasse abzulenken, um uns zu gewagten Manövern zu verleiten. Noch schnell eine Mail lesen vor dem Abbiegen oder den Zahnarzttermin verschieben innert Frist. Verlockungen gibt es viele. 

Ein Übeltäter dieses Kalibers verdient die Höchststrafe. Ab in die Handtasche, in den Rucksack oder ins Handschuhfach, und zwar lebenslänglich. Nichts Geringeres. Wer so viele ungelebte Lebensjahre auf dem Buckel hat, der verdient keine Gnade. Eigentlich! Und dennoch kommt es regelmässig zum vorzeitigen Abbruch des Strafvollzuges. Warum nur? Nicht gute Führung ist der Grund, nein, sondern unsere grenzenlose Neugier, die den Reizen und dem Betteln dieser grandiosen Erfindung nicht widerstehen kann. Neugier bringt uns weiter, meinen Sie? Nicht auf der Strasse. Sonst geraten Sie aus der Spur.

Weiterlesen

Weitere Kolumnen

20. Juli 2026

Wenn das Alter still macht – wo Seniorinnen und Senioren in der Schweiz wirklich kämpfen

Die Schweiz gilt als wohlhabend, sicher und sozial stabil. Doch hinter dieser Fassade wächst eine Realität, die oft übersehen wird: Viele Seniorinnen und Senioren kämpfen nicht nur mit gesundheitlichen Einschränkungen,…

Kolumne lesen

2. Okt. 2026

Gebet des älter werdenden Menschen

Auf der Reise in Kastilien und Leön ist mir dieses wunderbare Gedicht begegnet. Teresa von Avila lebte im 16. Jahrhundert und gilt heute als grosse Kirchenlehrerin. Sie war Mystikerin und…

Kolumne lesen

26. Aug. 2026

Genau.

Steht ein Vertreter des Bauamtes vor der Haustür, läutet nicht nur die Hausglocke, sondern auch der Alarm meiner Vorahnungen. Die besagte Vertretung verordnete klipp und klar, dass der Blumen- und…

Kolumne lesen