Spur halten
Wir Menschen sind so zu sagen Fahrende, nicht zu verwechseln mit dem fahrenden Volk der Jenischen. Wir sind bevorzugt auf Rädern unterwegs, meistens mit dem Auto. Dabei empfinden wir ein Gefühl von Freiheit, wenn wir möglichst hindernisfrei unser Ziel erreichen, und zählen uns insgeheim zu den besten Autolenkern, ohne Frage.
Dass diese Selbsteinschätzung mit der Realität nicht ganz mithalten kann, übersehen wir gerne. Die Tatsache, dass Millionen Franken an Verkehrsbussen jährlich unsere Staatskassen füllen, deckt sich nicht mit dieser Auffassung. Begründungen gibt es viele. Nicht selten fällt der Verdacht auf die älteren Verkehrsteilnehmer, die unaufmerksam, in der Bewegung eingeschränkt oder ganz einfach vom hektischen Strassenverkehr überfordert seien.
Ist diese Erklärung plausibel? Wohl kaum. Die Tatsache, dass Unfälle oft auf schnurgeraden Strassenabschnitten passieren, dass Fahrer auf der Autobahn ohne erkennbaren Grund zur Hälfte auf der Überholspur oder auf dem Pannenstreifen fahren, dass sie vor der Ampel stehen bleiben, auch wenn diese auf Grün schaltet, erfordert eine genauere Betrachtung. Ablenkung während des Fahrens, heisst der Überbegriff für dieses Phänomen. Häufig verursacht durch das Smartphone, unseren unverzichtbaren Begleiter, der im Fahrzeug jederzeit griffbereit und keinesfalls ausserhalb des Sichtfeldes seinen angestammten Platz einnimmt. Dieser Verführer, ständig bereit, mal schrill, mal schmeichelnd unsere Aufmerksamkeit von der Strasse abzulenken, um uns zu gewagten Manövern zu verleiten. Noch schnell eine Mail lesen vor dem Abbiegen oder den Zahnarzttermin verschieben innert Frist. Verlockungen gibt es viele.
Ein Übeltäter dieses Kalibers verdient die Höchststrafe. Ab in die Handtasche, in den Rucksack oder ins Handschuhfach, und zwar lebenslänglich. Nichts Geringeres. Wer so viele ungelebte Lebensjahre auf dem Buckel hat, der verdient keine Gnade. Eigentlich! Und dennoch kommt es regelmässig zum vorzeitigen Abbruch des Strafvollzuges. Warum nur? Nicht gute Führung ist der Grund, nein, sondern unsere grenzenlose Neugier, die den Reizen und dem Betteln dieser grandiosen Erfindung nicht widerstehen kann. Neugier bringt uns weiter, meinen Sie? Nicht auf der Strasse. Sonst geraten Sie aus der Spur.