Wenn auch die starke Schulter nicht mehr kann
Erinnern und Vergessen
21. Okt. 2026 Teil 5
4 min Lesezeit

Wenn auch die starke Schulter nicht mehr kann

Wenn ein Mensch an Alzheimer erkrankt, verändert sich auch das Leben derjenigen, die ihn begleiten. Irgendwann dreht sich der Alltag fast nur noch um das, was gerade gebraucht wird. Und die eigenen Grenzen werden oft erst sichtbar, wenn sie längst überschritten sind.

Von Su und Youn Bak

Wenn ein Mensch an Alzheimer erkrankt, verändert sich auch das Leben derjenigen, die ihn begleiten. Irgendwann dreht sich der Alltag fast nur noch um das, was gerade gebraucht wird. Und die eigenen Grenzen werden oft erst sichtbar, wenn sie längst überschritten sind.

In dieser Episode erzähle ich davon, wie Papi und ich zwischen all den Sorgen und Verpflichtungen etwas wiederentdeckten, das wir über Jahre aus den Augen verloren hatten. Und warum ausgerechnet der Golfplatz für uns beide eine Bedeutung bekam, mit der ich nie gerechnet hätte.

Kaum hatten wir eine Herausforderung bewältigt, stand bereits die nächste vor der Tür. Und die nächste. Und nochmals die nächste.

Es nahm einfach kein Ende.

Unser Alltag mit Mamis Alzheimer bestand zunehmend aus Organisieren, Erklären, Suchen, Entscheiden und Auffangen. Was heute noch funktionierte, konnte morgen schon wieder ganz anders aussehen.

Ich war als eine der beiden Töchter mittendrin. Versuchte mitzuhelfen, Lösungen zu finden, für Mami und Papi da zu sein und gleichzeitig mein eigenes Leben irgendwie weiterzuführen.

Irgendwann merkte ich, dass dieser Alltag nicht nur meine Zeit beanspruchte. Er raubte mir auch die Energie.

Meine eigenen Verpflichtungen und Bedürfnisse rückten immer weiter in den Hintergrund, bis sie irgendwann ganz im Nebel verschwanden. Nicht, weil sie mir unwichtig geworden waren. Aber woher sollte ich noch die Zeit nehmen? Und vor allem die Kraft?

Mamis zunehmende Hilflosigkeit bestimmte unseren Tagesablauf. Ihre Bedürfnisse liessen sich nicht einfach auf später verschieben. Also musste alles andere warten. Die Arbeit, Rechnungen, die eigene Beziehung, Freunde, Pläne, die eigene Gesundheit. Das eigene Leben.

Und während ich versuchte, allem und allen gerecht zu werden, verlor ich mich selbst immer mehr aus den Augen.

Auch Papi kam zunehmend an seine Grenzen. Er war Mamis wichtigste Bezugsperson, ihr Ehemann und derjenige, der Tag für Tag an ihrer Seite stand. Gleichzeitig hatte er selbst mit gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen. Seine Geduld wurde kürzer, seine Erschöpfung grösser. Und wenn es ihm zu viel wurde, bekamen wir das alle zu spüren.

Manchmal wusste ich nicht mehr, wem ich zuerst helfen sollte. Mami, die nichts für ihre Krankheit konnte? Oder Papi, der irgendwann einfach nicht mehr konnte?

Eines Tages kam mir die Idee, mit Papi wieder einmal Golf zu spielen. Wir hatten seit Jahren keinen Golfschläger mehr in der Hand gehabt. Zwischen all den Verpflichtungen, Sorgen und Herausforderungen war Golf irgendwann einfach aus unserem Leben verschwunden.

Warum also nicht wieder damit anfangen?

Ich wusste nicht, ob es uns guttun würde. Aber ich wollte es ausprobieren. In erster Linie für Papi. Dass ich selbst diese Auszeit genauso dringend brauchte, wurde mir erst später bewusst.

Und so standen wir eines Tages wieder auf dem Golfplatz.

Dort stand Papi im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit. Ich beobachtete seine Abschläge, versuchte herauszufinden, wo sein Ball gelandet war, zeigte ihm den Weg zum nächsten Loch und hielt ihn nach Möglichkeit von den Biotopen fern. Besonders dann, wenn wieder einer seiner Bälle darin landete und er ihn unbedingt herausholen wollte.

Ich war also weiterhin am Aufpassen, Mitdenken und Organisieren. Eigentlich genau das, was ich zu Hause schon die ganze Zeit tat.

Und trotzdem fühlte es sich anders an.

Plötzlich diskutierten wir über den nächsten Schlag statt über die sich ständig wiederholenden Fragen. Wir suchten Bälle im Rough, ärgerten uns über misslungene Schläge und freuten uns, wenn einer endlich dort landete, wo wir ihn haben wollten.

Wir waren draussen in der Natur, umgeben von Bäumen, Wiesen und frischer Luft. Manchmal redeten wir, manchmal gingen wir einfach schweigend nebeneinander her. Ohne etwas erklären, entscheiden oder lösen zu müssen.

Es gab wieder Momente, in denen ich Papi nicht als erschöpften Ehemann erlebte, sondern einfach als meinen Vater.

Und irgendwann wurde mir bewusst, dass ich diese Stunden nicht nur für ihn möglich gemacht hatte.

Wenn ich selbst am Ball stand, konzentrierte ich mich auf meinen Schlag. Für diesen kurzen Moment musste ich an nichts anderes denken. Nicht an das, was zu Hause auf uns wartete. Nicht an all die Dinge, die noch erledigt werden mussten.

Ich durfte einfach Golf spielen.

Rückblickend waren diese Stunden auf dem Golfplatz viel wichtiger, als ich damals ahnte. Sie haben unsere Probleme nicht gelöst. Mamis Alzheimer war danach immer noch da, genauso wie all die Verantwortung, die damit verbunden war.

Aber wir hatten etwas wiedergefunden, das uns im Alltag über die Jahre verloren gegangen war.

Ein Stück von unserem eigenen Leben.

Fortsetzung folgt.

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