Das Gehirn bleibt ein Leben lang formbar
Das Gehirn kann sich in jedem Alter neu organisieren. Warum die dritte Lebensphase eine der spannendsten fürs Gehirn ist und wie man das nutzen kann.
Von Barbara Studer
Kennen Sie das? Man denkt, mit 70 sei das Gehirn schon etwas älter und bestenfalls hält man den Status quo, schlimmstenfalls geht es bergab. Genau dieses Bild widerlegt die Neurowissenschaft heute eindrücklich. Unser Gehirn bleibt formbar, ein Leben lang. Man nennt das Neuroplastizität: die Fähigkeit, sich durch neue Erfahrungen buchstäblich neu zu verdrahten. Es organisiert sich um und bringt neue Fähigkeiten hervor, von denen wir in jungen Jahren nur zu träumen gewagt haben.
Besonders spannend ist, dass ältere Gehirne oft geschickt kompensieren, indem sie beide Hirnhälften stärker gemeinsam nutzen als jüngere Gehirne. Was wie ein Nachteil klingt, ist in Wirklichkeit eine raffinierte Anpassungsstrategie. Das Gehirn sucht sich neue Wege, wenn alte etwas langsamer werden.
Lernen, Musik und Bewegung
Eine Studie mit älteren Erwachsenen zwischen 59 und 79 Jahren untersuchte, was passiert, wenn Menschen im Rentenalter eine neue Sprache lernen. Nach nur vier Monaten regelmässigem Training zeigte sich eine messbar veränderte, effizientere Vernetzung im Gehirn. Auch achtsam Musik hören und machen sowie das Lernen eines Musikinstruments vergrössern gewisse Hirnstrukturen, unabhängig vom Alter. Und Studien zeigen eindrücklich, wie Bewegung direkt aufs Gehirn wirkt. Regelmässiges, zügiges Gehen oder Tanzen lässt den Hippocampus, unser Gedächtniszentrum, innerhalb weniger Monate leicht wachsen.
Die besondere dritte Lebensphase
Gerade nach der Pensionierung öffnet sich ein Zeitfenster, das viele unterschätzen. Endlich Zeit für das Instrument, das man immer lernen wollte. Für die Sprache, die man nie gelernt hat. Für das Ehrenamt, das neue Menschen und neue Denkweisen bringt. Genau diese neuen Herausforderungen sind es, die das Gehirn zur Reorganisation anregen, viel mehr als Routine.
Wichtig ist dabei auch die Haltung. Wer daran glaubt, dass Lernen im Alter möglich ist, lernt tatsächlich besser und bleibt länger selbstständig. Die eigene Einstellung zum Älterwerden ist selbst ein messbarer Gesundheitsfaktor.
Fragen, die es sich zu stellen lohnt
Was wollten Sie schon immer lernen, haben es aber nie gewagt? Wann haben Sie sich zuletzt bewusst in eine ungewohnte, leicht unbequeme Situation begeben – eine, in der Sie noch nicht alles konnten? Was, wenn nicht Abbau, sondern Umbau der eigentliche Normalzustand Ihres Gehirns wäre?
Genau diesen Fragen gehe ich in meinem Referat an der Alterskonferenz vom Freitag, 2. Oktober, nach, mit den neuesten Erkenntnissen aus der Hirnforschung und ganz praktischen Impulsen, wie Sie Ihr Gehirn in dieser Lebensphase gezielt fordern und fördern können. Ich freue mich darauf, mit Ihnen gemeinsam zu entdecken, wie viel Potenzial noch in uns steckt! Und ganz besonders auch auf den Austausch, denn genau das, das gemeinsame Denken, Lachen und Erzählen ist ohnehin eines der wertvollsten Geschenke, die wir unserem Gehirn machen können.

Dr. Barbara Studer ist Neurowissenschaftlerin, Autorin des Bestseller-Buchs Hirnpower (Beobacher Verlag) und Mit-Gründerin der Hirncoach AG, die digitale interaktive Programme für die Förderung der Hirngesundheit anbieten.