Selbstbestimmt leben durch Aktivierung
Der Einzug in ein Wohn- und Pflegezentrum kann die Sorge vor Einsamkeit und Verlust der Selbstbestimmung wecken. Olivia Artho, diplomierte Aktivierungsfachfrau HF im Tertianum Feldegg und Tertianum Steinegg in Degersheim zeigt, wie entscheidend Zuhören und eine individuelle Aktivierung sind.
Teil 4
Von Sarah Poli
«Mit meinen 66 Jahren bin ich noch immer gut in Schuss», sagt Manuela Vidonya und lächelt. Nach einer Veränderung der Lebenssituation und dem Einzug ins Wohn- und Pflegezentrum Tertianum Feldegg in Degersheim begann für sie ein neuer Lebensabschnitt. Ein vorerst ungewisser, da sich Manuela Vidonya fürchtete, ihre Selbständigkeit zu verlieren. Doch das Gegenteil war der Fall. «Es sorgen sich alle gut um mich. Ich werde verstanden und unterstützt.» Diese positive Erfahrung half ihr, die Kontrolle über ihr Leben und ihren Alltag zu behalten.
Es sind Ängste, die die Aktivierungsfachfrau Olivia Artho auf verschiedene Arten wahrnimmt. Sie leitet die sogenannte Aktivierung der Tertianum Betriebe Steinegg und Feldegg im beschaulichen Degersheim im Kanton St. Gallen. 64 Menschen verschiedener Pflegestufen – in der Tertianum Gruppe werden sie respektvoll Gäste genannt – sind hier zuhause.
Zuhören als Schlüssel zur Nähe
Wer sein vertrautes Daheim verlässt, verbindet dies oft mit dem Verlust von Sicherheit, Routine und Selbstbestimmung. In den Tertianum Wohn- und Pflegezentren wird individuell auf diese Bedenken eingegangen, sagt Olivia Artho: «Wir hören den Gästen zu. Was bewegt, freut oder bedrückt jeden Einzelnen?» Die Informationen aus Biografie, Bedürfnissen, der Lebenssituation und des Krankheitsbildes bilden die Grundlage jeder Aktivierung und Begegnung im Alltag.
Kleine Gesten mit grosser Wirkung
Hinter der Bezeichnung «Aktivierung» steht weit mehr als der ausgehängte Wochenplan mit seniorengerechten und strukturierten Aktivitäten wie Gymnastik, Spiel- und Singnachmittagen. Für Olivia Artho und ihr Team beginnt die Aktivierung im Kleinen. Dies startet für die Gäste bereits am Frühstückstisch und der einfachen Frage nach der bevorzugten Konfitüre oder der Möglichkeit, sich selbst einen Tee zuzubereiten. Auch Gäste mit kognitiven Einschränkungen äussern ihre Wünsche und treffen Entscheidungen mit Unterstützung der Aktivierungsfachpersonen. «Wahrgenommen zu werden ist ein zentrales Thema unserer Aktivierung. Jeder Mensch möchte das Gefühl behalten, gebraucht zu werden und selbstbestimmt zu handeln», weiss Aktivierungsfachfrau Artho.

Teil der Gemeinschaft bleiben
Diesem Bedürfnis wird in den Tertianum-Häusern
Feldegg und Steinegg individuell nachgegangen. So wurde unter anderem einem ehemaligen Landwirt der Besuch einer Viehschau ermöglicht, die er jahrelang selbst mitorganisiert hatte, samt Gesprächen mit alten Bekannten. Teil der Dorfgemeinschaft zu bleiben, sei für Menschen, die in ein Wohn- und Pflegezentrum wechseln, essenziell, weiss Olivia Artho. Gemeinsam mit ihrem Team organisiert sie Besuche in Restaurants, Seniorennachmittage oder Dorfanlässe. Sind Gäste in ihrer Mobilität stark eingeschränkt, kommt die Dorfgemeinschaft kurzum ins Haus mit Trachtengruppen, Chorauftritten oder Begegnungen mit Schulklassen.
Zeit für sich selbst
Dennoch soll die Aktivierung nicht als «24-Stunden-Rundum-Berieselung» verstanden werden. Der Wunsch nach Rückzug wird in den Tertianum-Betrieben ernst genommen. «Es gibt Gäste, die bewusst die Zimmertüre schliessen und allein sein möchten. Andere lassen die Türe etwas offen, damit Geräusche von aussen nach innen dringen», so Olivia Artho. Es liegt am Team zu spüren, ob mittelfristig das Bedürfnis für Austausch oder ein tieferes Gefühl von Einsamkeit besteht und wie dieses abzufangen ist.
Selbstbestimmt durchs Leben
Zurück zu Manuela Vidonya. Sie hat ihren Rhythmus gefunden. Geht sie selbstständig für Einkäufe ins Dorf, gibt ihr das Handy und der darauf gespeicherte Notruf ins Tertianum Feldegg Sicherheit. Ihr Zimmer ist zu einem sicheren Hafen und Rückzugsort geworden. Malen, Gespräche und Musik schenken ihr im Rahmen der Aktivierung Energie und Freude. «Ich weiss, was mir guttut und ich habe gelernt Hilfe anzunehmen, ohne mich schwach zu fühlen», sagt Manuela Vidonya zufrieden. Nach drei Jahren im Tertianum Feldegg blickt sie dankbar auf das, was geblieben ist: Lebensfreude und Selbstbestimmung.
Die Sendung GESUNDHEIT HEUTE von SRF zeigt in ihrer Ausgabe vom 21. März 2026 das Thema Aktivierung in den Tertianum
Betrieben. Der Beitrag ist im
Anschluss auch online zu sehen:
www.gesundheit-heute.ch/sendungen-2026/