Würde schützen durch Begegnungen mit Wirkung

Zwei Alltagssituationen zeigen, wie leicht Würde verletzt wird – und wie Respekt, Zeit und klare Worte helfen, sie zu schützen und wiederherzustellen.

Teil 7

Von Prof. Dr. Katharina Fierz

Soziale Würde ist das gute Gefühl, als Person geachtet zu sein. Jacobsons «Taxonomie der Würde» beschreibt, dass einerseits Anerkennung, Respekt und Präsenz Würde stärken – anderseits entwertender, unhöflicher oder herablassender Umgang sie verletzen (siehe Wir Senior:innen Nr. 4/2025). Forschungen zeigen, dass Würde davon abhängt, wie wir einander begegnen – von unserem Tonfall, unserer Aufmerksamkeit und dem Rahmen, in dem unsere Gespräche stattfinden. Es sind drei Faktoren, die zu Verletzungen führen beziehungsweise einen würdevollen Umgang miteinander führen können: Die Art der Beziehung (gekennzeichnet durch Position und Beziehungsstruktur der Beteiligten), die Umgebung und die soziale Ordnung.

Beispiel 1: Beim Arzt übergangen

Frau M., 82, sitzt mit ihrer Tochter in der Sprechstunde. Der Arzt redet nur mit der Tochter. Frau M. wird weder direkt gefragt noch in die Besprechung der Behandlung einbezogen. Sie fühlt sich klein und wie nicht vorhanden.

Analyse:
Frau M. wird übergangen und behandelt, als wäre sie sie unsichtbar. Es handelt sich um eine asymmetrische Beziehung, in der der Arzt Frau M. nicht beachtet – das erhöht das Risiko für Verletzung. 

Würdefördernde Schritte:
Würde wird gestärkt, wenn der Arzt Frau M. als Person anerkennt, direkt anspricht und sie ermutigt, ihre Sicht einzubringen. Jacobson beschreibt solche Formen des «dignity work» als zentrale Mittel, um Selbstachtung zurückzugewinnen und Menschlichkeit in Beziehungen zu bringen.

Was hilft sofort?

  • Anerkennung: Blickkontakt, direkte Anrede («Frau M., was ist Ihnen wichtig?»). Frau M. und ihre Tochter könnten sich in das Gespräch involvieren: Die Mutter antwortet, obwohl die Tochter angesprochen ist, oder die Tochter gibt die Frage an ihre Mutter weiter «was meinst du dazu, Mama?».
  • Auf Augenhöhe sprechen: langsam, klar, ohne Fachjargon (hier könnte z. B. die Tochter die Mutter fragen, ob die Erklärung des Arztes verständlich war, oder selber nachfragen). 
  • Ermächtigen: Frau M. Zeit geben, Fragen zu stellen (Tochter: «Das ging jetzt etwas schnell – was mich noch interessieren würde … Mama, hast du noch Fragen?»). Diese Schritte stärken sowohl Selbstachtung als auch Beziehung.

Prof. Dr. Katharina Fierz
ist Pflegefachfrau Schwerpunkt Psychiatrie. Nach der Ausbildung und einigen Jahren klinischer Tätigkeit schloss sie an der Universität Basel zuerst das Masterstudium, später ein Doktorat in Pflegewissenschaft ab. Seit 2018 leitet sie das Institut für Pflege an der ZHAW. Sie ist Mitglied der Kerngruppe von Age+, dem interdepartementalen Schwerpunkt Angewandte Gerontologie der ZHAW.

Beispiel 2: Macht ohne Rücksicht am Bahnschalter 

Frau K., 78 Jahre, möchte ein Billett kaufen, da sie den Automaten nicht bedienen kann. Der Mitarbeitende reagiert genervt: «Das steht doch da! » Als sie erklärt, dass sie Mühe mit der kleinen Schrift hat, sagt er: «Da kann ich auch nichts dafür.» Andere Kundinnen und Kunden hören zu. Frau K. senkt den Blick, sichtlich beschämt.

Analyse:
Hier greifen mehrere Prozesse der Würdeverletzung ineinander: Unhöflichkeit, Verachtung, Herabwürdigung, Etikettierung und Ablehnung – alles Mechanismen, die Jacobson als typische soziale Verletzungsformen beschreibt.

Frau K. steht in einer Position sozialer Vulnerabilität, weil sie Hilfe braucht und sich in der Öffentlichkeit exponiert fühlt. Der Mitarbeitende ist in einer Position der Macht. Die Umgebung – ein stressreicher öffentlicher Raum – erhöht das Risiko für Entwürdigung. Gesellschaftliche Ungleichheiten und Altersstereotype können solche Begegnungen zusätzlich prägen und zu Verletzungen führen. 

Würdefördernde Schritte:
Respektvolle Begegnungen entstehen durch Höflichkeit und Aufmerksamkeit, durch Erklärungen ohne Herablassung und durch Unterstützung, die Selbstständigkeit ermöglicht. Jacobson betont, dass solche Schritte nicht nur Würde erhalten, sondern auch den Selbstwert stärken und die soziale Teilhabe erleichtern. Auf institutioneller Ebene fördern zugängliche, gut gestaltete Umgebungen und klare Leitlinien eine Kultur der Wertschätzung.

Was hilft sofort? 

  • Höflichkeit und Präsenz: «Gern, ich helfe Ihnen.» Die Kundin könnte auch nachhaken: «Ich habe den Eindruck, mein Anliegen wird nicht ernst genommen.»
  • Auf Augenhöhe: «Die Automaten sind wirklich knifflig. Wir machen das zusammen.»
  • Erklären statt belehren: Schritt für Schritt zeigen, damit Frau K. es beim nächsten Mal selbst kann. 
  • Bessere Umgebung: gut lesbare Anzeigen, Sitzgelegenheiten, klare Beschilderung. 

Fazit
Würdeverletzungen geschehen überall: im professionellen Kontext wie im Alltag. Sie entstehen selten aus böser Absicht, sondern aus ungünstigen Bedingungen, Machtgefällen oder in stressreichen Situationen. Würde ist kein Luxus. Sie zeigt sich im Alltag – in Worten, Blicken, kleinen Gesten. Mit Respekt, klarer Sprache, etwas Zeit und passenden Rahmenbedingungen lässt sich Würde bewahren und – wenn sie verletzt wurde – zurückholen. Das nützt jedem Einzelnen und uns allen. 

So schützen Sie Ihre Würde (und die anderer)

In Begegnungen:

  • Zeit nehmen: «Ich höre zu.» 
  • Respekt im Ton: freundlich, ruhig, klar.
  • Nachfragen: «Habe ich Sie richtig verstanden?» 
  • Grenzen achten: Privatsphäre wahren / deren Wahrung höflich einfordern (Tür schliessen, nicht laut über Persönliches sprechen).
  • Mitentscheiden: Wahlmöglichkeiten geben / diese höflich einfordern (Termin, Vorgehen, Tempo). 

In Beziehungen:

  • Machtgefälle ausgleichen: im Sitzen sprechen, verständliche Sprache, Raum für Fragen.
  • Stärken sehen: Leistungen und Erfahrungen anerkennen.
  • Beistehen: notfalls eine Vertrauensperson dabeihaben. 

In Umgebungen:

  • Ruhige Orte suchen oder einfordern.
  • Gut lesbare Informationen: grosse Schrift, klare Wegweiser. Sind diese nicht vorhanden, hilft es oft, einen Leserbrief mit Verbesserungsvorschlag zu schreiben. 
  • Zugänglichkeit: Barrieren abbauen. 

In der Gemeinschaft:

  • Gegen Abwertung einschreiten: höflich, bestimmt.
  • Anerkennung sichtbar machen: ältere Menschen als kompetent und wichtig anerkennen
  • Gerechte Regeln unterstützen: Zugang zu Beratung, Bildung, Mobilität.

Weitere Artikel

Die Altersschwerhörigkeit (Presbyacusis)

Am 3. März 2025 fand der World Hearing Day (der Welttag des Hörens), in Genf von...

Teil 6

Publikum in Bann gezogen

Die 19. Zürcher Alterskonferenz überzeugte mit hochstehenden Referaten. Im Volks...

Wenn der Sehsinn nachlässt…

Haben Sie Mühe mit Lesen, Schreiben, Kreuzworträtsel lösen, mit dem Arbeiten am ...