5 min Ausgabe Nr. 2 | 2026

Zwischen Selbstbestimmung und Fürsorge

Die palliative Geriatrie ist die umfassende Betreuung und Behandlung von älteren Menschen mit unheilbarer Krankheit. Ein Gespräch mit Geriaterin und Palliativmedizinerin Bettina von Rickenbach.

Was verstehen Sie unter palliativer Geriatrie – und wie unterscheidet sich diese von «klassischer» Palliative Care?
Grundsätzlich ist die palliative Geriatrie die Schnittstelle von Palliative Care und Geriatrie, also der Altersmedizin. In der palliativen Geriatrie haben wir in aller Regel drei Ansätze – kurativ, rehabilitativ und palliativ. Bei der Auswahl des Ansatzes sollten wir uns nach dem Ziel des Patienten, der Patientin richten. Weil ein geriatrischer Patient in der Regel mehrere Erkrankungen gleichzeitig hat, muss man sich intensiv mit dieser Frage auseinandersetzen. Ursprünglich kommt die Fachrichtung aus der Pflegeheimmedizin, findet aber heute auch ambulant statt, also bei alten oder betagten Menschen zuhause, und in den Spitälern.

Die geriatrische Palliative Care ist eher eine jüngere Disziplin innerhalb der Palliative Care.

Ja. Sie entstand im deutschsprachigen Raum mit der Gründung der Fachgesellschaft für geriatrische Palliative Care FGPG vor 10 Jahren mit den Ländern Deutschland, Österreich, Schweiz und Luxemburg. Man hat erkannt, dass die älteren, hochvulnerablen Patientinnen und Patienten weder von der Geriatrie noch von der Palliative Care optimal erfasst werden. In der Geriatrie steht der rehabilitative Ansatz im Vordergrund, bei der Palliative Care der palliative. Doch es braucht ein Zwischendenken.

Weshalb ist bei älteren Menschen palliatives Denken besonders wichtig?

Viele chronische Krankheiten sind schlicht nicht heilbar. Wir sprechen da nicht bloss von Krebserkrankungen, sondern auch von Erkrankungen des Herzens, der Lunge oder von einer Demenz. Diese Menschen brauchen Begleitung. Die Komplexität besteht darin, dass im Gegensatz zu einem jüngeren Palliativpatienten, bei welchem kurative Massnahmen ab einem gewissen Punkt ausgeschöpft sind und es nur noch um Symptomkontrolle geht, der geriatrische Patient gleichzeitig auch kurative Medizin braucht, da er an diversen Beschwerden leidet. Etwa wenn jemand eine Schulter verletzt hat und sich deswegen nicht mehr abstützen kann, beispielsweise beim Aufstehen, ist es durchaus sinnvoll, eine Schulterprothese einzusetzen, damit es ihm besser geht. Oder Augenoperationen empfehlen wir bis ins hohe Alter, weil dies die Lebensqualität des Betroffenen massiv erhöhen kann. Das Kurative mit dem Palliativen zu verbinden: das macht die palliative Geriatrie aus.

Welche Herausforderungen gibt es in der Kommunikation mit älteren Menschen?

Das Gespräch mit den geriatrischen Palliativpatientinnen und -patienten ist zentral. Wir müssen die Wertehaltung der Person kennen, um sie mitberücksichtigen zu können. Diese Gespräche brauchen viel Feingefühl. Und wir müssen langsam, deutlich und in einer adressatengerechten Sprache sprechen. Die heutigen Geriatriepatientinnen und -patienten gehören zu einer Generation, die nicht nachfragt, wenn sie nicht versteht, was die Ärztin sagt.

Und wenn jemand dement ist?

Bei einer Demenzerkrankung stellt sich jeweils die Frage nach der Urteilsfähigkeit. Diese ist nicht pauschal zu beantworten, sondern kann je nach Fragestellung gegeben sein oder nicht. Jedoch kommt es im Alltag vor, dass Patienten nicht mehr sagen können, was sie möchten und was nicht. Dann beziehen wir die Angehörigen, respektive die vertretungsberechtigten Personen in die Entscheidungen ein. Hilfreich ist, wenn die Familie schon über Themen des Lebensendes gesprochen hat und es eine Art Definition gibt, was die betroffene Person unter Lebensqualität versteht – am besten schriftlich, beispielsweise in Form einer Gesundheitliche Vorausplanung (GVP).

Welchen ethischen Fragestellungen begegnen Sie?

Eine zentrale ethische Frage lautet: Autonomie versus Fürsorge? Viele von uns wollen möglichst selbstbestimmt leben, brauchen aber auch viel Fürsorge. Das ist immer ein Spagat. Im Sinne des Patienten wollen wir seine Autonomie so gut wie möglich aufrechterhalten und ihn gleichzeitig nicht gefährden. Ein anderes ethisches Spannungsfeld ist «Lebensverlängerung versus Lebensqualität». Ein klassisches Beispiel ist die Therapie auf der Intensivstation: soll eine intensivmedizinische Behandlung erfolgen bei einem Patienten mit fortgeschrittener Demenz, der nun eine Lungenentzündung hat?

Wo gibt es noch Lücken in der Versorgung von geriatrischen Patientinnen und Patienten?

Es braucht in erster Linie die Sensibilisierung für diese Disziplin. Sie muss bei Ärzten, Ärztinnen und Pflegenden bekannt sein, damit ältere Menschen optimal medizinisch und pflegerisch begleitet werden können. Unser Verband FGPG vermittelt den Hausärztinnen und Hausärzten das nötige Basiswissen, denn sie spielen eine zentrale Rolle in diesem System.

Welche Veränderungen wünschen Sie sich im gesellschaftlichen Umgang mit Älterwerden und Lebensende?
Ich wünsche mir das Verständnis, dass das Älterwerden zum Leben gehört. Die Generation, die heute alt ist, hat so manches erarbeitet für die jüngere. Sie haben mit den Möglichkeiten, die sie gehabt haben, extrem viel für die Gesellschaft bewirkt. Mich beeindruckt das sehr. Und deshalb wünschte ich mir von der jüngeren Generation mehr Verständnis für die alten Menschen.

Bettina von Rickenbach
ist Geriaterin und Palliativmedizinerin sowie Co-Chefärztin für Altersmedizin und Palliative Care im Spital Affoltern. Sie ist Vorstandsmitglied bei der Fachgesellschaft für Geriatrische Palliative Care (FGPG) und bei palliative zh+sh.

palliative zh+sh
Wir sind eine Sektion von palliative.ch, der Schweizerischen Fachgesellschaft für Palliative Medizin, Pflege und Begleitung. palliative zh+sh ist ein gemeinnütziger Verein und politisch und konfessionell neutral. Er engagiert sich auf fachlicher, gesellschaftlicher und politischer Ebene für die Förderung der Palliative Care in den Kantonen Zürich und Schaffhausen und setzt sich für eine qualitativ hochstehende palliative Behandlung, Betreuung und Begleitung von Betroffenen und ihrer Angehörigen ein. Weitere Informationen unter: www.pallnetz.ch

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