Künstliche Intelligenz und ethische Fragen

Chancen nutzen und ethische Aspekte ernst nehmen – Künstliche-Intelligenz (KI) ist längst Teil unseres Alltags. Auch nach der Pensionierung kann sie wertvolle Unterstützung bieten – etwa bei Gesundheitsfragen, rechtlichen Informationen oder der Freizeitgestaltung. Sprachassistenten erinnern an Medikamente, KI-Programme erklären komplexe Behördenbriefe in einfacher Sprache oder schlagen passende Bewegungs- und Kulturange­bote vor. Gerade für ältere Menschen kann KI die Selbstständigkeit im Alltag fördern und die soziale Teilhabe erleichtern.

Teil 2

Von Professor Mariana Christen Jakob

Doch neben diesen Vorteilen stellen sich ebenso ethische Fragen. Eine zentrale Herausforderung ist beispielsweise der Datenschutz. Viele KI-Anwendungen arbeiten mit sehr persönlichen Informationen, etwa zu Gesundheit oder finanzieller Situation. Ältere Menschen müssen darauf vertrauen können, dass ihre Daten sicher sind und nicht ohne ihr Wissen weiterverwendet werden. Transparenz darüber, wer Daten sammelt und wofür sie genutzt werden, ist daher unerlässlich.

Ein weiteres Dilemma betrifft die Abhängigkeit von Technik. KI kann für den individuellen Austausch anregend sein, darf menschliche Beziehungen aber nicht ersetzen. Wenn Gespräche mit Maschinen reale Kontakte verdrängen, kann Einsamkeit verstärkt und nicht abgebaut werden. KI sollte deshalb immer als Ergänzung gedacht sein – nicht als Ersatz für menschliche Zuwendung, medizinische Beratung oder rechtliche Betreuung. Auch die Fehleranfälligkeit von KI ist ein wichtiges Thema. Programme können sich irren oder verzerrte Empfehlungen geben, etwa durch eine einseitige Datenlage. Besonders bei Gesundheits-, Rechts- oder Finanzfragen kann dies problematische Folgen haben. Wichtig ist daher, KI-Antworten kritisch zu hinterfragen und im Zweifel Fachpersonen zu konsultieren.

Technik braucht menschliche Werte und klare Vorgaben
KI verschärft bekannte Zielkonflikte: Freiheit versus Sicherheit, Effizienz versus Fairness, Unterstützung versus Kontrolle. Menschen sollen und dürfen sich frei entscheiden, aber sie sollten die Zusammenhänge und Hintergründe kennen. Für ältere Menschen ist es darum entscheidend, informiert zu bleiben und damit Wahlmöglichkeiten zu behalten. Ethik in der KI bedeutet deshalb vor allem eines: Verantwortung für sich selbst und das eigene Handeln zu übernehmen.

Aber nicht nur das Individuum ist eingeladen, digital «am Ball» zu bleiben, auch die gesellschaftliche Ebene ist entscheidend. Künstliche Intelligenz ist kein moralisches Wesen. Sie folgt Daten, Zielen und Regeln, die Menschen bzw. grosse Weltkonzerne vorgeben. Transparenz, klare gesetzliche Rahmenbedingungen und menschliche Kontrolle sind notwendig, damit KI dem Menschen dient – und nicht umgekehrt.

Dr. Sarah Genner leitet den AIAS Workshop.

AIAS im Gespräch mit Dr. Sarah Genner,
Digitalexpertin

AIAS engagiert sich mit der Digital Academy (ZSS 25/4) für das «Digital selbstständig bleiben» von Menschen im dritten Lebensalter. Künstliche Intelligenz ist auch für uns ein zunehmend wichtiges Thema, wir fokussieren uns dabei auf die Anwendungen im Alltag. Wichtig sind unserer Meinung nach aber auch die ethischen Fragen, denen wir uns nicht entziehen können und wollen. Darum haben wir im Januar einen Workshop mit Dr. Sarah Genner durchgeführt, der auf grosses Interesse gestossen ist. Wir konnten Sarah ein paar Fragen gestellt: 

Wo siehst du ethische Herausforderungen
im Feld von KI?

Künstliche Intelligenz entscheidet zunehmend mit, oft im Hintergrund und für Betroffene kaum nachvollziehbar. Eine zentrale ethische Herausforderung ist deshalb Transparenz: Wer entscheidet was, auf welcher Datenbasis und mit welchen Interessen? Hinzu kommen Fragen des Datenschutzes, der Machtkonzentration bei wenigen Tech-Konzernen und der Gefahr, dass bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten durch Algorithmen verstärkt werden.

Was sind aus deiner Sicht die
drängendsten Gefahren?

Kurzfristig sehe ich vier Risiken: Erstens Desinformation und Betrug, die durch KI einfacher, glaubwürdiger und verbreiteter werden. Zweitens eine schleichende Abhängigkeit, wenn Menschen Entscheidungen ungeprüft an Systeme delegieren. Drittens die Gefahr sozialer Ausgrenzung, wenn technologische Entwicklungen nicht verständlich oder zugänglich gestaltet sind. Und viertens Datenschutzrisiken durch die massive Sammlung persönlicher Informationen.

Was rätst du älteren Menschen für einen
ethisch unbedenklichen Umgang mit KI?

Mein wichtigster Rat: KI als Werkzeug verstehen, nicht als Autorität. Ergebnisse immer hinterfragen und im Zweifel immer Fachpersonen fragen, insbesondere bei Gesundheits-, Finanz- oder Rechtsfragen. Sensibel mit persönlichen Daten umgehen und nicht alles preisgeben. Und: sich nicht scheuen,
Fragen zu stellen und Unterstützung einzufordern. Digitale Mündigkeit ist keine Frage des Alters, sondern der Haltung: Neugier kombiniert mit gesundem Skeptizismus.

Stimmen von Seniors der Digital
Academy zu KI und ethischen Fragen:

Monica Posnett
«Die grösste Herausforderung aus meiner Sicht ist es für Seniors, zuerst die Komplexität und Hintergründe von KI zu verstehen, um danach wählen zu können, was und wie sie KI nutzen wollen und wie sie die Inhalte kritisch beurteilen.»

Bea Conrad
«Ich sehe zwei wichtige Entwicklungen, die sich gegenseitig beeinflussen: die regulatorischen Möglichkeiten im Weltgeschehen und die Big-Tech Digitalwirtschaft. Beide sind auch aufs engste mit der Politik verknüpft, ich sehe hier einen wichtigen Ansatzpunkt für Lobby Arbeit. Ziele müssen klare Gesetzestexte sein und Zugänge zu der digitalen Welt ohne neue
Abhängigkeiten zu schaffen.» 

Nächster unverbindlicher
Schnupperanlass für
die Digital Academy: 

Info Nachmittag 14. April 14–16 Uhr,
Karl der Grosse Zürich.
Anmeldung: aias.swiss

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