5 min Ausgabe Nr. 2 | 2023

Hürdenlauf Wohnungssuche älterer Menschen

Die Suche einer Wohnung ist für ältere Menschen ein Hürdenlauf. Schnelle digitale Prozesse, fehlende Wohnungen und Ablehnung von hochaltrigen Bewerber:innen machen es äusserst schwierig, eine Wohnung zu finden. Nötig ist vor allem verdichtetes Bauen in Städten

Bericht von Peter C. Meyer

Hier soll verdichtet gebaut werden. Alle warten auf die Baubewilligung.
Foto: Peter C. Meye

Barrieren der Online-Suche
Maria und Anton H. suchten vergeblich eine Wohnung in der Stadt Zürich. Sie hatten 40 Jahre in Zürich gewohnt und gearbeitet, zogen dann aber nach ihrer Pensionierung in ihr abgelegenes Häuschen auf 1400 Meter Höhe im Kanton Glarus, wo Maria H. aufgewachsen war. Im Alter von 80 Jahren wurde das Leben dort oben zu anstrengend, deshalb wollten sie zurück nach Zürich. Bei der Wohnungssuche kamen sie meist zu spät im online-Verfahren. Wenn sie doch mal durchkamen wurde ihnen beschieden, dass die Wohnung nicht an über 70-jährige Personen vermietet würde.

Was tun? Zum Glück konnten sie die Wohnungssuche ihrer digital fitten Tochter übergeben, die die Suche erfolgreich übernahm und für ihre Eltern eine geeignete Wohnung auf ihren Namen und ihre Verantwortung mieten konnte.

Die Soziologin Joëlle Zimmerli untersuchte die Schwierigkeiten älterer Menschen bei der Wohnungssuche, siehe den Hinweis in der Infobox. Eine Barriere für ältere Leute sind die online-Portale und die Geschwindigkeit, mit der dort vermietet wird. Wenn ein Angebot um 8 Uhr morgens aufgeschaltet wird, muss eine Bewerbung oft vor 9 Uhr erfolgen und wer den Zuschlag erhalten will, muss sich sofort entscheiden können. Alte Menschen, die aus ihrer Vergangenheit Bewerbungen mit Briefpost und Besichtigungen vor Ort kannten, bevor sie sich für eine Wohnung entscheiden mussten, sind von dieser Situation völlig überfordert. Joëlle Zimmerli zeigt, wie sie unterstützt werden können.

Wohnsiedlung Winterthurerstrasse BGO heute mit 70 Wohnungen
Foto: Peter C. Meyer
Durch Rekurs verhinderter Ersatzneubau Winterthurerstrasse BGO mit 120 Wohnungen (Visualisierung)
Bild: Jim Knopf

Blockierte Umbauten und Neubauten
Weil es in der Schweiz und ganz besonders in den städtischen Zentren immer weniger leerstehende Wohnungen gibt, ist dort auch die beste Unterstützung bei der Wohnungssuche oft erfolglos. Gleichzeitig gibt es leerstehende Häuser, blockierte Bauprojekte und ältere Menschen, die gerne in eine kleinere Wohnung ziehen würden, diese aber nicht finden.

Hans K. lebte bis zu seinem Tod allein in einem hübschen, kleinen Reiheneinfamilienhaus in der Stadt Zürich. Er hatte längere Zeit eine altersgerechte kleine Wohnung gesucht, aber nichts gefunden. Nach seinem Tod verkauften die Erben das Haus an eine junge Familie. Die neuen Eigentümer brauchen Geduld und verlieren viel Geld, denn sie zahlen steigende Hypothekarzinsen und Unterhaltskosten für das Haus, das nun schon seit zwei Jahren leer steht. Die Familie hatte bereits früh ein Bauprojekt zur Sanierung des Hauses eingereicht, musste dann aber ein ganzes Jahr bis zur Baubewilligung warten. Die enorme Dauer des Bewilligungsverfahrens ist in der Stadt Zürich leider üblich geworden. Missgünstige Nachbarn reichten dann einen Rekurs ein. Der Rekurs wird voraussichtlich abgewiesen werden, weil die Nachbarn keinen substantiellen Nachteil durch denn Umbau erleiden. Aber das Rekursverfahren ist langwierig, teuer und frustrierend. Bis die junge Familie einziehen kann, wird das Haus insgesamt mindestens vier Jahre leer stehen.

Die Baugenossenschaft Oberstrass wollte an der Winterthurerstrasse in Zürich mit einem Ersatzneubau 120 anstelle der bisherigen 70 Wohnungen erstellen. Über die Hälfte der Wohnungen hätten Kleinwohnungen werden sollen für Mieter, deren Kinder ausgezogen sind und für ältere Menschen. Die Baubewilligung wurde erteilt und die Bauarbeiten hätten 2020 starten sollen. Ein Rekurs von Nachbarn hat das nun verhindert; die Baubewilligung wurde vom Baurekursgericht und vom Verwaltungsgericht aufgehoben. 

Es bleibt zu hoffen, dass einige allzu restriktive Bestimmungen auf Ebene Bund, Kanton und Gemeinden aufgehoben oder abgeschwächt werden, damit solche Bauten in Zukunft nicht mehr verhindert werden können.

Hier baut die Baugenossenschaft Vrenelisgärtli in Zürich verdichtet: 83 Wohnungen anstelle der Altbauten mit 46 Wohnungen
Foto: Peter C. Meyer

Wohnungsnot nimmt zu
Wie gross ist die Wohnungsnot tatsächlich, und was könnte dagegen getan werden? Die Wohnbautätigkeit geht seit der Zinswende, dem Ende der Negativzinsen, zurück, während die Nachfrage weiter zunimmt, was zur Folge hat, dass immer weniger Wohnungen leer stehen. In zwei kürzlich erschienenen, seriösen Untersuchungen der grossen Hypothekarbanken ZKB und Raiffeisen wird die Entwicklung und die aktuelle Situation des Wohnungsmarktes detailliert beschrieben, siehe die Hinweise in der Infobox. Im Bericht der Raiffeisenbank werden zahlreiche mögliche Massnahmen gegen die Wohnungsnot aufgeführt und beurteilt. In den Städten sind verdichtete Wohnbauten sinnvoll: keine weitere Zersiedelung der Schweiz, optimale Nutzung der bestehenden Infrastruktur und optimale Erschliessung mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Wohnungstausch für ältere Menschen
Besonders interessant für ältere Menschen ist der Vorschlag, eine Plattform für Wohnungstausch einzurichten, die von Vermietern unterstützt würden. Senior:innen in zu grossen Wohnungen könnten mit Familien in zu kleinen Wohnungen tauschen, ohne dass der Mietzins stark erhöht würde. Heute scheitert ein Wohnungstausch oft daran, dass der Mietzins bei langjähriger Miete viel tiefer ist als bei einem neuen Mietvertrag.

Es gibt Massnahmen, die die Wohnungsnot vermindern könnten, zum Beispiel der Abbau von bürokratischen Hürden, verdichtetes Bauen, bessere Rahmenbedingungen für gemeinnütziges Bauen und Wohnen und Unterstützung des Wohnungstausches. Um Erfolg zu haben, geht es dabei nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch, mit gut schweizerischen Kompromisslösungen.

Zitierte Studien zur Wohnungssuche und zum Wohnungsmarkt:
Joëlle Zimmerli (2019): Demographie und Wohnungswirtschaft. Seniorenfreundliche Zugänge zum Mietwohnungsmarkt. Zimraum GmbH, Zürich.  Download:
https://zimraum.ch/publikation/seniorenfreundliche-zugaenge-zum-mietwohnungsmarkt/

Raiffeisen Economic Research (2023): Immobilien Schweiz – 2Q 2023. Soft Landing. Raiffeisen Schweiz (Hrsg.), Zürich.  Download:
https://www.raiffeisen.ch/content/dam/wwwmicrosites/casa/immobilienstudien/2023/q2/Immobilien%20Schweiz%202Q23_DE_CHL.pdf

Zürcher Kantonalbank (2023): Drohende Wohnungsnot. Immobilien aktuell, April 2023, Zürich.  Download:   https://www.zkb.ch/de/blog/immobilien/drohende-wohnungsnot-immobilien-aktuell-liefert-fakten.html

Link zum Leserbrief «Hürdenlauf Wohnungssuche älterer Menschen»

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